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Nr. 33,
März 2006

1. Preis: Ron Winkler (Berlin)
2. Preis: Myriam Keil (Hamburg)
Nach dem Literaturpreis für Kriminaliteratur (2003) und dem für Science-Fiction-Stories (2004) schrieb erostepost im vergangenen Sommer einen Lyrikpreis für 2006 aus.

Das Thema war „0de an die Freude“ und diesem Titel ent-sprechend erwarteten wir „meist reimlose lyrische Dichtung in kunstvollem Stil“, die sich keinen formalen Zwängen unterwirft (keine Haikus, Anagramme, Sonette, usw.) und inhaltlich über-wiegend positiv besetzt ist, also auch Themen wie Hoffnung, Freude, Liebe, Glück, usw. transportiert, ohne deshalb unkritisch oder klischeehaft sein zu müssen. Es waren exakt zehn Gedichte verlangt.
 
Nach dem Einsendeschluss am 31. 12. 2005 lagen uns genau 100 Einreichungen vor.
Wir fanden, dass die Gedichte von Ron Winkler und Myriam Keil mit Abstand aus dem Gros der Einsendungen herausragten. Bei Ron Winkler beeindruckte mich die exzellent komponierte Mixtur aus präzise und pointiert formulierten Bildern mit augenzwinkernd eingeworfenen Begriffen aus der modernen Informationsgesellschaft. Dadurch, und weil er in seinen Kompositionen die Freude quasi durch eine virtuelle Brille betrachtet, ist es ihm unter anderem gelungen, den etwas verstaubten Begriff der Ode für das Computerzeitalter zu aktualisieren.
Die von Myriam Keil entworfenen, überwiegend positiven Stimmungsbilder haben für mich bei aller Exaktheit etwas angenehm Unkonstruiertes, dessen überraschenden Wendungen es leicht fällt, den Leser zu berühren.
Da wir Wert darauf legten, abgesehen von den Preistexten nur Gedichte in diese Zeitschrift aufzunehmen, die uns alle drei besonders beeindruckt haben, ist diese Ausgabe etwas dünner als die letzten geworden, aber, wie wir meinen, trotzdem sehr dicht.
Myriam Keil drückt in ihren Gedichten das Leben ohne Schnörkel, aber sehr poetisch aus. Sie verwendet ungekünstelte Worte, die sie treffend neu arrangiert. Sie beschreibt Nähe auf unausgetretenen Pfaden, mit der Wellenlänge unbekannter Farben, die sie freudvoll erwärmt. Die kritische Erkenntnis vom eigenen Ich wird ohne Belehrung transportiert. Sie drückt eine Zärtlichkeit aus, die sich nie aufdrängt, die hinaus wächst über alles persönliche Erleben. Der Weg ist glaubhaft, bedarf keiner Formel.
Ihr Morgen gehört zum Jetzt, in der auch die Vergangenheit versammelt ist, die Zukunft beginnt erst übermorgen. Trotz mancher Enjambements bedürfen ihre Verse keiner Satzzeichen, um Bedeutung zu gewinnen. Eine weitere 'Ver'-Dichtung ihrer Dichtung wäre Amputation. Sie betreibt – ganz im Stillen – 'vergleichende Verhaltensforschung', schickt dann alles durch ein Brennglas, zirkelt dort ab, wo die Unschärfe beginnt: eine Geometrie auf Gefühlsebene. Dadurch klettern ihre Gedichte ins Allgemein-Gültige ohne zu verallgemeinern.

Ron Winkler entführt uns liebend gerne in weit entfernte, manchmal fast virtuelle, vorzugsweise auch fremdsprachige und nasse Gegenden. So ungewohnt seine Ideensprünge auch sind, die er in seinen Gedichten vollzieht, so stimmig sind sie dennoch in ihrer Kombinatorik, die nie gekünstelt wirkt. Aus ihnen lacht uns Heiterkeit entgegen, so dass sie uns den Mund wässrig machen, allein mit ihnen 'zu zweit' zu sein. Dafür bemüht er leichten Fußes über längere Strecken auch die Persiflage für eine zeitgemäße Inszenierung der Freude.
Während wir zu dritt das eine oder andere der 1000 Gedichte wieder und wieder in Frage kommen ließen, verwarfen, beäugten, vorlasen und fallen ließen auf Stapel, waren Kopf und Bauch gleichermaßen gefragt. Die dreiköpfige Jury wurde zur dreibäuchigen und zurück.
War die formale Ausführung hervorragend, so konnte es sein, dass die Begriffe und Worte althergeholt und unreflektiert eingesetzt waren und das Eigene und Neue fehlte. Hatte ein Beitrag eine erfrischend neue Form oder gewagte Einfälle, war es vielleicht andererseits so, dass wir keine Aussage, keine Bedeutung finden konnten. Waren unsere Bäuche positiv betroffen oder berührt, war es womöglich, sobald wir zum Kopf zurückkehrten, als hätte uns jemand überlistet, mit kleinen Taschenspielertricks Illusionen erzeugt.
Letztlich wurde klar, dass wir als kompromisslose Jury die Preise nur wie vergeben vergeben konnten und in weiteren Auseinandersetzungen nur die in der vorliegenden Ausgabe der Literaturzeitschrift erostepost vertretenen Beiträge vertreten konnten.
Somit war die seitengeringste Ausgabe seit Bestehen der Zeitschrift erostepost beschlossen. Wir einigten uns auf: “Dünn aber dicht“.
 
AutorInnen Nummer 33:

Ron Winkler, Myriam Keil, Markus Waldura, Monika Vasik, Adelheid Dahimène, Martin Ohrt