Thomas Frahm
Auszug aus dem Text:
Schafskäse aus Kuhmilch
Eine Heimfahrt
Unser Bus stand schon geschlagene acht Stunden in der Warteschlange vor der Zollbaracke. Genug Zeit, um rauchend zuzusehen, wie sich Kleinbusse, Reisebusse, T.I.R.-Transporter und Personenkraftwagen im schmutziggrauen Asphaltstrom der Grenzstation Kalotina im Takt des Schlagbaums langsam voranwälzten. Die Luft war diesig. Alles schien bloß ein Film zu sein, gedreht auf einem viel zu lichtempfindlichen Zelluloidband, so dass die Bilder körnig ausflockten. Vielleicht hatte ich auch nur vor lauter Angst, der Bus könnte ohne mich abfahren, zu wenig geschlafen. Diese Nervosität kannte ich aus Deutschland nicht. Damit hatte ich mich in Bulgarien angesteckt, wo das Leben eines Menschen nicht von einem Terminplan abhing, sondern von dem Verhältnis zwischen mehreren, so dass kein Termin wirklich feststand. Es roch nach Benzin und Kohlensäure, so, als würde es bald schneien. Links befanden sich die Buden mit der zollfreien Ware, den Dixi-Toilettenhäuschen und der Trinkhalle, an der es Kaffee, Snacks und Zeitungen gab, rechts begrenzte ein Maschendrahtzaun den Grenzkontrollpunkt. Dahinter lag ein Grünstreifen, von dem ich nicht wusste, ob er schon zu Serbien gehörte oder noch bulgarisch war. Ich fühlte mich wie eine hastig hingepfuschte Übersetzung – schlecht. Komisch, jetzt schon nach Deutschland abfahren zu müssen, bevor ich innerlich richtig in Bulgarien angekommen war. Ich hätte nicht sagen können, ob es nun eine Hin- oder eine Rückfahrt war.
In einem der Busse vor uns hatte offenbar ein Fahrergespann Mitleid mit mir und half mir dabei, nicht so rasch Abschied nehmen zu müssen: Sie hatten den Whisky oder die Zigaretten für die Zöllner vergessen, die die Abwicklung der Formalitäten zuverlässig beschleunigten. Die Beamten verstanden den Wink und reagierten sensibel. Sie schauten zum Ende der Busschlange, wo ich gequält von einem Fuß auf den anderen trat, und ordneten an: „Alle Reisenden aussteigen, bitte!“ Die Reisenden stiegen aus. „Bitte öffne mal den Gepäckraum!“ (Man kennt sich, man duzt sich.) Einer der drei Chauffeure des Busses öffnete den Gepäckraum. „Jeder nimmt sein Gepäck heraus und stellt sich daneben.“ Die Leute stellten sich neben ihr Gepäck. Der Platz neben dem Bus verwandelte sich in einen Flohmarkt. Vierzig, fünfzig geöffnete Koffer und vierzig, fünfzig Reisende mit geöffneten Mündern. Dazwischen die Flohmarkt-Besucher in Uniform, die lässig zwischen den Koffern umherschlenderten und zärtlich darin wühlten. Manches, was ihr Interesse erregte, zogen sie heraus und drehten es in der Hand. Eine berückende Choreografie. Mehr als eine Stange Zigaretten? Oh, oh. Mehr als ein Liter Konzentrat (Schnaps) und eine Flasche Wein? Na! Eine versteckte Kamera? Das wird teuer, Freundchen. Koffer wieder zu. Jetzt das Handgepäck. Bitte da hinüber. Da drüben, wo vor einer Plexiglas-Wand ein langer Tisch stand, damit die Beamten sich nicht bücken mussten und die schönen Handgepäcke nicht schmutzig wurden. Manche wurden ein bisschen verhört. Andere mussten ihren Pass vorzeigen. Dritte ihr Reisegeld. Zwei wurden – „Wo ist deine Einladung? Wie, du hast keine Einladung?“ – wieder zurückgeschickt. „Wie soll ich denn von hier wieder zurückkommen?“ – „Ja, das hättest du dir vorher überlegen sollen, mein Freund!“
Den Humor sparten sich die Zöllner für die Devojki auf, die jungen Mädels, deren schmale Taillen sich nackt aus engen Jeans schwangen, von denen der Bund abgeschnitten war. „So langes Haar, mein Täubchen?“ – „Ja, gute Pflege, Herr Zöllner.“ (Die reiste öfter!) – „Das musst du aber deklarieren!“ – „Wieso? Seit wann sind Haare zollpflichtig?“ – „Haare an sich nicht. Aber dein Haar ist zehn Zentimeter über der erlaubten Länge.“ – „Ich kann’s ja hochstecken.“ – „Gute Idee. Schön, dass wir drüber gesprochen haben! Komm mal wieder vorbei. Ich wohn hier ganz in der Nähe!“
Das alles geschah gemächlich. Man hatte ja Dienst, also Zeit. Man wartete ja selber nicht. Man arbeitete ja. Und zur Arbeit gehören Pausen. Ein kleiner Witz zwischendurch mit den Kollegen: „Stantscho, kennst du den? Fragt ein Zöllner den anderen: Hast du mal ‘ne Zigarette?“ Haha! Ohne Pausen kann man die Arbeit nicht vom Feierabend unterscheiden. Dort ist man verheiratet, und die Frau stellt Ansprüche, von denen man sich erholen muss. Lässiges Winken mit dem Kopf. Sie können fahren, hieß das. Denn da stand schon ein besonderer Leckerbissen. Ein mindestens dreißig Jahre alter Tschawdar-Bus voller Zigeuner, die sicher für einen Dumping-Preis reisten und sich beim Aussteigen lautstark gegenseitig dafür beschuldigten, dass sie aussteigen mussten. Da hatte man endlich mal wieder Gelegenheit, seinen Sinn für Ordnung zu demonstrieren. Was ist schon Freiheit ohne Recht und Ordnung? Nichts ist sie, Vandalismus ist sie! Aber wir sind hier schließlich nicht in der Kalahari, wo sich jeder im Sand so viele Eier brät, wie er der ethnischen Gruppe der Straußenvögel unterm Hintern wegstibitzen kann, sondern in Europa, ob das Europa nun gefällt oder nicht... Aber auch sie durften schließlich fast alle wieder in ihren alten Bus, der sich über gar nichts mehr wunderte, einsteigen und weiterfahren.
Ich stand in der Sonne und öffnete die nächste Packung filterlose Zigaretten der Marke „Arda“ – das war die bulgarische Machorka-Variante. Ich sah mit Bewunderung den Bulgaren dabei zu, wie sie sich Stunde um Stunde nicht aufregten. Oder sah das nur so aus? Schwer zu entscheiden, denn – so viel hatte ich schon erfahren – diese Bulgaren hatten aus ihrer Geschichte den Schluss gezogen, dass es besser war, nicht so rasch zu zeigen, wie ihnen wirklich ums Herz war. Nur ab und zu ein Seufzer: „Brej, kakvo stava tam? - Ej, was ist denn da vorne los?“ Sie kannten das schon, das große Grenz-Theater! Bei der Abfahrt wünschten die zurückbleibenden Mitarbeiter der Reisefirma den drei Chauffeuren und dem Steward schon gar nicht mehr „Angenehme Fahrt!“, sondern „Angenehme Grenzen!“. Denn davon hing alles ab.
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