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Leseprobe aus Nr. 40,
November 2009


Gengoul

einschläfern!

dabei wollte ich nur spazieren gehen, den hund ausführen und mein kind nicht den ganzen schönen sommer über in der wohnung einsperren!
wir lebten erst seit einiger zeit in der siedlung, als geschah, wovon ich erzählen will. um mein damit zusammenhängendes anliegen verständlich zu machen, muss ich zunächst etwas weiter ausholen. mein name ist myra, und ich bin eine allein erziehende mutter. mein sohn dorian ist viereinhalb, mein hund nora ein zehn jahre altes sterilisiertes labradorweibchen – unproblematisch also, was andere hunde betrifft.
für die runde ins feld, um den häuserblock, am fluss entlang zum ententeich und wieder zurück benötigte man, großzügig gerechnet, soviel wusste ich bereits am zweiten tag, gemütliche dreißig minuten. fünfzehn minuten hin, fünfzehn minuten zurück. innerhalb von dreißig minuten zu dieser frühen tageszeit auf mehr als zwei personen zu treffen, war an wochentagen äußerst unwahrscheinlich; genau genommen unmöglich. und das war der hauptgrund für mich, das haus täglich so früh zu verlassen. ich wollte auf grund verschiedener früherer erfahrungen ungestört sein – und bleiben.
mein erster spaziergang in der neuen umgebung begann unglaublich befreiend. ich trat in den hof, blickte frohen mutes in den himmel, und die vögel zwitscherten. sprich: es war ein wunderschöner spätfrühlingsmorgen, man konnte den sommer förmlich riechen, und dementsprechend fühlte ich mich auch: rundum wohl. ich hatte den kinderwagen noch nicht beim ausgang draußen, als ich jedoch plötzlich etwas – oder jemanden – loskreischen hörte.
„auwi? da se li ba kin!“
sekundenlang setzte mein herz aus. ich vermutete mich in einer jener situationen, die ich schon so oft zuvor und an jedem ort, an dem ich bislang gewohnt hatte, erleben durfte. warum schon wieder? dachte ich bei mir, und in sekundenschnelle hatte mich die welt nach meinem subjektiven herzinfarkt ein wenig fester als zuvor in ihrem griff. und dann? dann tat ich, wozu ich instinktiv neigte: ich beugte – mir meiner grenzenlosen schuld voll und ganz bewusst – den kopf demütig gen boden.
in dieser mir angeborenen haltung verharrte ich einige augenblicke als das gekreische erneut begann. undefinierbar. diesmal nur etwas lauter.
„auwi? da se li ba kin!“
damals ahnte ich noch nicht, was es damit auf sich hatte. so packte ich schließlich, als nichts weiter geschah, den kinderwagen und zerrte den gras fressenden hund aus dem vorhof auf die straße. das gekreische ließ endlich nach, und der restliche weg verlief ohne komplikationen. fünfzehn gemütliche minuten hin. fünfzehn gemütliche minuten zurück.
ein paar tage später sollte ich nicht mehr so leicht davonkommen. ich spürte schon auf dem weg in den vorhof, dass dieser tag anders war und dass sich an diesem alles für immer verändern würde. gewöhnlich sträubte sich mein verstand gegen solche gefühle, aber dieses war zu stark, als dass ich es hätte ignorieren können. ich wollte schon umkehren, als mein verstand schließlich siegte. wie gesagt, war es recht ungewöhnlich, zu so früher zeit mehr als ein oder zwei personen und damit auf mehr als ein oder zwei probleme der außenwelt zu stoßen.
ich schloss also – verstandesmäßig – von meinem bisherigen glück auf das künftige. an jenem recht kühlen morgen – mein verstand hatte meine gefühlsmäßigen bedenken abgeschüttelt – betrat ich die straße und bog nach rechts in den vorhof ab; wie immer. und damit nahm das schicksal seinen lauf. da war sie zunächst wieder – diese kreissäge, die stimme, der undefinierbare lärm. instinktiv beschleunigte ich meinen schritt. ich warf einen blick auf die uhr und stand plötzlich vor ihr. sechs uhr dreißig. sie sah furchterregend aus, roch, als ob sie sich wochen nicht gewaschen hätte, und ein ausweg war nicht in sicht. ihre beine wackelten unkontrolliert, ihr oberkörper bebte, aus ihren nasenlöchern drang unaufhörlich rauch, und ihre knochigen finger zeigten abwechselnd auf mich und meinen sohn. sie glich den bösen hexen aus den grausamsten märchen, und was sie sagte, klang wie ein fluch: „auwi? da se li ba kin!“
aus meiner unfähigkeit, angemessen zu reagieren, gebar ich ein unterwürfiges lächeln, welches sie, vermutlich durch meine höflichkeit angewidert, beiseite treten ließ. und obwohl sie dort stehen blieb, spürte ich ihre anwesenheit, ihren blick in meinem nacken und das unangenehme gefühl, verflucht zu sein. sechs uhr fünfundvierzig.