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Nr. 45
September 2012

Liebe Leserin und lieber Leser!

Können Sie sich noch an das Jahr 1987 erinnern? Vielleicht sind Sie da ja erst geboren, wie etwa Sebastian Vettel, der es bis zum Weltmeister gebracht hat, oder Sie waren noch gar nicht auf der Welt? Vielleicht wohnten Sie in der DDR oder in der Sowjetunion, aus der Joseph Brodsky stammte, der in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhielt, und verfolgten gespannt die Pläne Michail Gorbatschows, der die beabsichtigte Perestroika ankündigte? Oder sie lebten in Salzburg und bekamen mit, wie die SPÖ die absolute Mehrheit im Gemeinde-
rat erreichte, wie zahlreiche neue Kulturinitiativen entstanden; und mit etwas Glück wurde Ihnen im Sommer dieses Jahres die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift erostepost angeboten, auf der Straße, in einem Café oder im Kulturgelände Nonntal, das endlich seinen lange
geplanten Betrieb aufnehmen konnte.
Damals kostete das Heft 30 Schilling, Seite für Seite hatte Dirk Ofner eigenhändig auf einer alten Schreibmaschine (man brauchte dafür ein eigenes Fingertrainingsprogramm im Vorfeld– vor allem, um die Buchstaben leserlich auf Papier zu bringen) und fehlerfrei die Texte der jungen Autorinnen und Autoren unseres Literaturstammtisches" eingetippt, das Ganze auf einem Tischkopierer kopiert, der die Lesbarkeit auch nicht unbedingt verbesserte, und einen Hand-
hefter für unserer Format hatte wir auch aufgetrieben.
Die Auflage von 200 Stück war schnell verkauft, und der Tatendrang wurde größer. Vier Jahre später hatten wir den ersten Computer (Festplatte: 40 Megabyte), Handys gab es damals nicht, die Wiener Autoren, die ein Mitarbeiter (mit etwas Verspätung) vom Salzburger Hauptbahnhof abholen sollte, waren nicht anzutreffen, das Open-Air-Event in Hellbrunn hatte wochenlange Vorbereitungen benötigt – zumindest an die 50 Zuhörerinnen wollten schließlich Literatur
genießen ... Es ist gut ausgegangen, wir haben überlebt, finanziell, politisch und menschlich. Freilich sind einige gestorben seither, ich erwähne hier nur Dirk Ofner, Gründungsmitglied und Gesellschafter von erostepost in der Zeit zwischen 1987 und 2008, er war auch als Autor immer kompromisslos bei Ungereimtheiten eingeschritten. Vom ihm können Sie in dieser Ausgabe erstmals Auszüge aus seinem nicht ganz fertig überarbeiteten Roman „Rattenrennen“ lesen.
Und einige alte Bekannte, die uns schon vor Jahren brauchbare Beiträge zukommen ließen, kommen wieder zu Wort. Viele von Ihnen haben inzwischen Buchpublikationen vorzuweisen, was uns freut, auch weil wir damit einem unserer Aufträge entsprochen haben, deutschschrei- bende „junge“, noch weitgehend unbekannte Autoren und Autorinnen aus allen Nationen durch Veröffentlichung in der Zeitschrift und durch Einladung zu Lesungen zu fördern.
Ich wünsche Freude beim Lesen und bei der Auseinandersetzung mit den Inhalten; und ich danke Ihnen und Euch dafür, denn das ist der Beitrag, der die Idee erostepost am Leben hält.

Kurt Wölflingseder

PS: Sie wollen wissen, wie das seinerzeit ausgegangen ist? Ein zufällig anwesender Mann gab sich am Salzburger Hauptbahnhof als Mitarbeiter von erostepost aus und nahm die drei Autoren mit auf eine nicht ganz geradlinige Reise mit den öffentlichen Bussen; er brachte sie letzt-
endlich bis ins Steintheater, wo wir ihn verwundert, aber auch erleichtert zur Rede stellten. Dieser verweigerte jedoch die Aussage und nahm am Autorentisch Platz. Die drei Wiener Gerhard Jaschke, Werner Herbst und Gerhard Ruiss boten eine ausgezeichnete Literaturperformance.

AutorInnen Nummer 45:

Gabriele Kögl, Lucia Leidenfrost, Roman Marchel, Dirk Ofner, Fritz Huber, Margarita Fuchs, Jörn Birkholz, Carsten Brinzing, Ewart Reder, Isabella Johanna Antweiler, Ulrike Schäfer

 
Leseprobe:
Carsten Brinzig: Essen ist fertig