Nr. 54


Liebe Leserin, lieber Leser! Was wollen wir glauben, wem trauen wir? Für eine spannende Story sind wir immer zu haben. Wie man dem Mythos „Wahrheit“ auf die Schliche kommt, davon und noch mehr erzählt Susanne Neuffer in ihrem Sieger-Text „Chor der Engel“. Zwei befreundete Paare, Hildegard und Cord, Vincent und die Ich-Erzählerin, treffen sich beim „Libanesen“. Man zerlegt ein Hühnchen und inszeniert sich der eigenen Größe wegen. Sätze werden zu blühenden Gebinden aus Annahme und Verweis, Realität und Fiktion – mit einer Verve vorgetragen, als gehe es um alles. Geht es auch, nämlich um uns selbst. Der Winter in Montreal: „Nasskalte Schneeschauer, unbarmherziges Eis unter den Reifen und Füßen“ – oder doch ein Weihnachtsmärchen? „Es gibt ein Recht am eigenen Text“, so die Ich-Erzählerin. „Wer lügt, muss genau sein und ungenau zugleich.“ Liegt die Deutungshoheit beim Publikum, sprich bei Freunden? „Dann erzähle ich meine aufgerüschten RAF-Geschichten, die kleinen Anekdoten aus den Hinterzimmern einer kleinen deutschen Revolution. Es stimmt ja auch einiges daran, zum Beispiel, dass die Terroristin XY eine Nachbarin war – wobei ich kürzlich die Namen durcheinander gebracht habe, die war ja schon tot, und das war auch in einer anderen WG.“ Erinnerung umkreist fortwährend unsere Abwesenheit. Zwischen Fassbarem und Unfassbarem spürt Neuffer dem vermeintlich Autobiographischen nach, einem Ego, dem es gilt, gerecht zu werden. Mit subtilem Hintergrundwitz kommentiert sie als Ich-Erzählerin das Geschehen, legt ihren Finger in die Wunden kleiner Begierden, rettet Hildegard Schmitthenner schließlich vor Vincent, einem unangenehmen Frager, der immer alles genau wissen will, er ist einer, der ihre wundersame Chor-Geschichte in Montreal, vor allem des Sängers Satz: „Special thanks to wonderful Hildegard“, so nicht hinnehmen mag … Bestechend leicht und tiefsinnig zugleich lotet die Autorin die Un-Tiefen scheinbar gesetzmäßig verlaufender Abende aus. Wir fühlen uns ertappt. Etwas, was fehlt, wird doppelt bedeutsam. „Der Remo“ betitelt Marcus Jensen seine preiswürdige Geschichte, und wir fragen uns anfangs: Was soll diese kleine venezianische Gondel auf Oma Moorkamps Fernseher, mit einem Gondoliere ohne Ruder, „verloren gegangen, irgendwann aus den Fäusten geglitten wie ein Strohhalm …“? Der Ich-Erzähler katapultiert uns vorerst in die beginnenden 80er Jahre. Im Prisma, einem Provinz-Kino, verschränkt sich die Zeit, er und sein jüngerer Bruder, vierzehn und zwölf, schauen sich verbotenerweise „Die Klapperschlange“ an: „Während wir dasaßen und John Carpenter uns seine finstere, dreckige, gewaltstrotzende Endzeit-Welt von 1997 vorstellte, hatten meine Eltern zwei Kilometer entfernt Pflegedienst im Moor-kamp.“ Snake Plissken gegen Oma Moorkamp, ihr „winziger Kriechkeller“ gegen Manhattan fiktiv, drohender Atomkrieg gegen ein verlorenes zerrüttetes Leben, das dem Ende zugeht, Zombie-Punker gegen den Zweiten Weltkrieg, lediglich „Schnipsel“ in den Köpfen der Kinder. In dieser Parallelwelt hat Plissken die besseren Karten. Was weiß der Vierzehnjährige schon von den Verwüstungen, die der Krieg in Oma Moorkamps Leben hinterlassen hat? „Doch natürlich wirkte dieser Krieg stumm in alles hinein, war eine unsichtbare, dafür fette Grundierung auch meiner Welt. Ich kannte keinen Erwachsenen, den diese Maschinerie nicht geformt hatte, und an den Kaffeetafeln war von den grausigen Vierzigerjahren die Rede, wegen denen die Torten heute noch so gut schmeckten. Mit vierzehn hielt ich den Zweiten Weltkrieg für die Sache der buckligen Verwandtschaft.“ Jensens Blick in die Vergangenheit nimmt Zukunft in die Pflicht, spielt mit diesem unwägbaren Gestern-Heute-Morgen, verwebt Carpenters Action-Spektakel mit banaler Realität. Für diverse Positionierungen wie Macht und Ohnmacht, Leben und Tod, Fiktion und Wirklichkeit, Gut und Böse nicht zuletzt, findet der Autor überaus einprägsame, gleichsam berührende wie komische Bilder. Die wie stumm eingefrorene Geste des Fährmanns lässt Richtung vermissen, zeigt vielleicht, wie hilflos treibend wir manchmal dem Leben ausgeliefert sind – und doch nicht aufgeben? „Die (Gondel, Anm.) hätte ich heute gerne, mit den leeren Fäusten des Fährmanns.“ Zwei herausragende Texte aus 361 Einreichungen zum Literaturpreis 2017, dazu elf weitere in dieser Ausgabe der prämierten und gelungensten Beiträge, dazu ein gutes zusätzliches Dutzend, das bis zuletzt in der engeren Auswahl gestanden war und sich ebenfalls eine Veröffentlichung verdient hätte! Wir bedanken uns bei allen Einsenderinnen und Einsendern und gratulieren Susanne Neuffer und Marcus Jensen sehr herzlich, ebenso natürlich allen anderen hier vertretenen Autorinnen und Autoren! erostepost im dreißigsten Jahr, das ist in dieser Ausgabe zugleich auch schon die Vorschau auf das einundreißigste Jahr; der erste Schritt ins vierte Jahrzehnt beginnt mit der Ausschreibung des nächstjährigen Literaturpreises, mit der wir uns an ein großes Thema heranwagen, vielleicht an das Thema schlechthin, an die Liebe; Details dazu finden sich am Ende des Heftes. Wir befürchten Hunderte von Einsendungen, einen Kampf der lesenden Juroren durch einen Dschungel von Gedichten und Geschichten, ein Rudern der lesenden Jurorinnen in einem Strom von Seiten und Manuskripten. Wagen Sie sich also als schreibender Mensch an das neue Thema heran, um mit uns herauszufinden, ob schon alles gesagt worden ist von allen. Wir von erostepost wünschen Ihnen mit der erostepost Nr. 54 einen schönen Lesesommer! P.S.: Und wir freuen uns auf Hunderte von Zuschriften zum Thema Liebe :-) Margarita Fuchs, Lisa-Viktoria Niederberger, Peter Baier-Kreiner, Kurt Wölflingseder



AutorInnen Nummer 54:

David Blum, Sebastian Hage–Packhäuser, Lydia Haider, Manon Hopf, Signe Ibbeken, Marcus Jensen, Roman Kaiser-Mühlecker, Greta Lauer, Luka Leben, Susanne Neuffer, Pyotr Magnus Nedov, Gabriel Wolkenfeld, Peter Zimmermann