Das Zeitschriftenarchiv wird in Kürze vervollständigt.

Für die Ausgaben 55, 56, 57, 58, 59 werden die Editorials ergänzt.

Zeitschrift

 Nr. 1, August 1987


 

Als wir – die Literaturgruppe erostepost – im Sommer 1987 vor einem Kopierer standen, um tausende Seiten zu vervielfältigen, zu falten, zu heften und somit die Nr. 1 der erostepost zu basteln, glaubten die größten Optimisten unter uns, sich damit eine Existenzgrundlage zu schaffen, während die Pessimisten das Erscheinen einer Nr. 2 bezweifelten. Wie so oft liegt die Realität dazwischen: zwei Mitglieder der Gruppe sind als Herausgeber und Verleger übriggeblieben und verdienen sich damit ein Taschengeld.



AutorInnen Nummer 1:


Ursula Schliesselberger, Kurt Wölflingseder, Dirk Ofner, Leon Bourgeois, Alfred Kraitl, Gertraud Pühringer, Andrea Wieser-Ostendorf, Gerhard Filei, Werner Springauf;


Nr. 2, Frühjahr 1988


 


Die Literatur und ihre Szene ist ein behäbiger Bereich: nicht so schnell wie das Internet, nicht so aktuell wie das Fernsehen oder eine Tageszeitung. Dafür hat sie oft mehr Bestand, schafft es immer wieder zu überdauern. In der Nr. 2 (die erste erostepost, die in einer Druckerei vervielfältigt wurde) war ein Auszug aus dem Romanprojekt „Schwindelfrei“ von O.P. Zier abgedruckt: Der Roman ist später unter dem Titel „Sturmfrei“ im Otto Müller Verlag erschienen.

 

AutorInnen Nummer 2:


Christian Hollaus, Ursula Schliesselberger, O. P. Zier, Werner Springauf, Kurt Wölflingseder, Andrea ieser-Ostendorf, Dirk Ofner, Werner Springauf;

Nr. 3, März 1989



Die Literaturgruppe erostepost bestimmt, welche Texte in die Zeitschrift aufgenommen werden. Die Redaktion der Nr. 3: Hans W. Grohs, Christian Hollaus, Dirk Ofner, Michael Pokorny, Kurt Rebol, Werner Springauf und Kurt Wölflingseder. Abgesehen von den Texten der Gruppenmitglieder werden auch Texte von Susanne Alge, Rikolt Gagern und Robert Steinle abgedruckt. Dirk Ofner verkauft hunderte Zeitschriften in Wien in Lokalen und auf der Straße und organisiert Gruppenlesungen in Wien.



AutorInnen Nummer 3:


Michael Pokorny, Rikolt Gagern, Dirk Ofner, Kurt Wölflingseder, Kurt Rebol, Hans W. Grohs, Robert Steinle, Susanne Alge;

Nr. 4, Sondernummer "eros" Frühjahr 1990 Der erste erostepost-Literaturpreis wird im Dezember 1989 an Josef Haslinger vergeben. Sein Beitrag „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ überzeugt alle fünf Jurymitglieder. Nicht nur die mutige Bearbeitung des heiklen Themas „Sexueller Missbrauch eines Jungen durch den Pater eines Internats“ gelingt dem Autor auszuzeichnend, auch die Geschichte als solche ist literarisch hervorragend aus 75 Einsendungen aus allen Teilen Österreichs. AutorInnen Nummer 4: Josef Haslinger, Gerhard Jaschke, Walter Ladisich, Franz H. Kabelka, Barbara Sandner, Andreas Findig, Andreas Schwarz, Hans Eichhorn;

Nr. 4, Sondernummer „eros“ Frühjahr 1990



Der erste erostepost-Literaturpreis wird im Dezember 1989 an Josef Haslinger vergeben. Sein Beitrag „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ überzeugt alle fünf Jurymitglieder.

Nicht nur die mutige Bearbeitung des heiklen Themas „Sexueller Missbrauch eines Jungen durch den Pater eines Internats“ gelingt dem Autor auszuzeichnend, auch die Geschichte als solche ist literarisch hervorragend aus 75 Einsendungen aus allen Teilen Österreichs.


AutorInnen Nummer 4:


Josef Haslinger, Gerhard Jaschke, Walter Ladisich, Franz H. Kabelka, Barbara Sandner, Andreas Findig, Andreas Schwarz, Hans Eichhorn;

Nr. 5, „Segelboote am Horizont“ Herbst 1990


 

Die Literaturgruppe erostepost bestreitet immer mehr Lesungen und entdeckt das Konzept der „gruppendynamischen Lesungen“. Mit „Segelboote am Horizont“ und den „Sätzeaktionen 1990“ kann sie beim Publikum und den Medien punkten. Tomas Friedmann, damals noch freier ORF-Mitarbeiter, gestaltet ein Feature über erostepost. Dirk Ofner erfindet die „Bertagramme“; Kathrin Röggla lässt erstmals aufhorchen. Aber es finden auch gruppenfremde Autor/inn/en mit Texten in der Zeitschrift Platz: Carmen-Francesca Banciu aus Rumänien ebenso wie Günther Kaip, Christian Futscher, und (der mittlerweile verstorbene) Manfred Maurer aus Wien.

 

AutorInnen Nummer 5:


Dirk Ofner, Christian Futscher, Güntherr Kaip, Manfred Maurer, Carmen-Francesca Banciu, Kathrin Röggla, Kurt Wölflingseder, Hans W. Grohs, Kurt Rebol;

 

Nr. 6, Sondernummer „rost“ Frühjahr 1991


 

Die erostepost schafft es immer besser, Firmen für Sponsoring zu begeistern. Neben Werbungen von der Privatbrauerei Sigl, Salzburger Stadtwerke, Buchhandlung Höllrigl, Afri Cola und Bluna sowie RUF-Datensysteme erhöht die Salzburger Sparkasse das Preisgeld für den erostepost-Literaturpreis 1989 und 1990. Der rost-Hauptpreis wird an Wilfried Steiner für seine Einreichung „weltbild mit kopfmaschinen“ vergeben. Die Zeitschrift wird mit einem Reggae-Fest in der ARGE Kulturgelände Nonntal präsentiert.

 

AutorInnen Nummer 6:


Christian Baier, Hans Eichhorn, Wolfgang Gruber, Gertrud Sberlo, Wilfried Steiner, Manfred Teufel

Nr. 7, „Overhead… und überhaupt“ Herbst 1991


 

Auf der Impressum-Seite der erostepost Nr. 7 „Overhead … und überhaupt“ dankt erostepost verschiedenen Institutionen und Firmen für die Unterstützung. Über einem Foto einer Gruppenlesung mit Kathrin Röggla, Dirk Ofner, Hans W. Grohs und Kurt Wölflingseder findet sich der Spruch: „ …und wir danken uns, der Literaturgruppe erostepost, für das unvorstellbare Durchhalten und gegenseitige Aushalten.“ Wir dürften es damals schon geahnt haben: Kurze Zeit später und kurz vor Einzug in das Literaturhaus löste sich die Literaturgruppe erostepost auf.

 

AutorInnen Nummer 7:


Hans W. Grohs, Dirk Ofner, Kathrin Röggla, Kurt Wölflingseder

Nr. 8, Sondernummer „step“ Frühjahr 1992


 

Kalkbegründung von Kathrin Röggla hatte ebenso Platz wie Jurybegründung von Dirk Ofner, der Literaturpreis 91 „step“ wurde zweigeteilt, sogar die Ansprache anlässlich der Preisverleihung von Kurt Wölflingseder ist in dieser Nummer abgedruckt und viele Schuhe. Es fehlen allerdings jegliche Angaben zu den Autorinnen und Autoren. Olivia Keglevic erhielt den ersten Preis für ihren Beitrag „Fremde Hexen“, Dieter Sperl schreibt sich „von hier aus“ auf Platz zwei.

 

AutorInnen Nummer 8:


Olivia Keglevic, Dieter Sperl, Christian Baier, Wolfgang Wenger

Nr. 9, Herbst 1992


 

Damals schrieb man Müllleben noch mit zwei ll und so konnte dieser Beitrag von Kurt Wölflingseder auch Müll eben heißen. Die herrlichen Bildkompositionen von Günther Nußbaumer konnten aus Geldgründen nur zum Teil farbig gedruckt werden. Adelheid Dahimène schrieb über das Absurde, wirklich Absurde und das ohne Gegenbeweis.

 

AutorInnen Nummer 9:


Bettina Balaka, Adelheid Dahimene, Ludwig Roman Fleischer, Gai Jeger, Dirk Ofner, Kurt Wölflingseder

Nr. 10, Sondernummer „epos“ Frühjahr 1993


 

Am 1. 12. 1992 entscheidet die Jury, Andre Blau für seine Einreichung „Jammerwoch oder: Grendels Manifest“ den 4. erostepost-Literaturpreis zu verleihen. Thema: epos. In die engere Auswahl kommen Bettina Balàka und Norbert Silberbauer, die später zu „Stammautor und Stammautorin“ der erostepost werden. Der Text von Norbert Silberbauer ist ein Auszug aus einem Romanprojekt und trägt den Titel: „Tristan & Veronika, Franz & Isolde“. Der fertige Roman erscheint zwei Jahre später unter dem Titel „Franz“ im Deuticke-Verlag und sorgt für Aufsehen.

 

AutorInnen Nummer 10:


Bettina Balaka, Wolfgang Becvar, Andre Blau, Norbert Silberbauer

Nr. 11, Sondernummer „mannomann“ Herbst 1993


 

Für Kurt Wölflingseder und Dirk Ofner war die Emanzipation der Geschlechter schon lange und unabhängig voneinander ein wichtiges Thema. Vor allem fehlte beiden die männliche Seite im Diskurs: Wer stellte 1992 die Benachteiligungen von Männern in unserer Gesellschaft zur Diskussion? Wer redete 1992 schon von Männeremanzipation? erostepost lud schon damals Autor/inn/en dazu ein, Texte zum Thema „neuer Mann“ zu schreiben und zu senden, für eine erostepost-Sondernummer, lange bevor der Begriff „neuer Mann“ oder „bewegter Mann“ in die Massenmedien geriet und dort zu einem Mythos wurde.

 

AutorInnen Nummer 11:


Adelheid Dahimene, Lore Jarosch, Walter Kohl, Dirk Ofner, Anneliese Schodl, Manfred Teufel, Kurt Wölflingseder

Nr. 12, Sondernummer „post“ Frühjahr 1994


 

Mit der Vergabe des post-Literaturpreises an Bettina Balàka endete das fünfjährige Konzept, den Namen erostepost in seine Bestandteile zu zerlegen und zu Themen von Literaturpreisen zu machen. Ein Brief des damaligen Bürgermeisters der Stadt Salzburg, Josef Dechant, ermöglichte der erostepost jedoch den Preis nochmals auszuschreiben. Seine Anrede: An die Literaturgruppe EUROSTEPOST veranlasste uns, das Thema euro – natürlich auch wegen der aktuellen Überlegungen, ob Österreich der EU beitreten sollte – zum Thema des nächsten Preises zu machen.

 

AutorInnen Nummer 12:


Bettina Balaka, Gerald Jatzek, Ana Schoretits, Werner Stangl

Nr. 13, Herbst 1994


 

Die Nummer 13 wurde am Samstag, 1. Oktober 1994 im Kulturgelände Nonntal präsentiert.  Gabriele Kögl liest aus ihrem Buch „Das Mensch“, welches in diesem Jahr erscheint. Eindrucksvolle Bilder vom Salzburger Christof Schwarz sind im Innenteil zu bewundern.

 

AutorInnen Nummer 13:


Christian Baier, Christoph Bauer, Maria Gorikiewicz, Michael Ehrreich, Gabriele Kögl, Ilse Krüger, Marco Meng;

Nr. 14, Sondernummer „euro“ Frühjahr 1995


 

Dass die erostepost den EURO-Preis 1994 vergeben konnte, verdankte sie keinesfalls dem damaligen Bürgermeister der Stadt, unter dem sie einige Subventionskürzungen hinnehmen musste, sondern einer Nachtragssubvention durch das Bundesministerium. Der Preis wurde gedrittelt, die Preisträger waren: SAID, der mittlerweile verstorbene Klaus Hirtner und Lisa Neubauer.

 

AutorInnen Nummer 14:


SAID, Klaus Hirtner, Lisa Neubauer, Manfred Teufel, Adelheid Dahimene

Nr. 15,“Sexistenzen und andere Tendenzen“ Herbst 1995


 

Im Frühling 1995 trafen sich vier ehemalige erostepost-Mitglieder, um erstmals seit 5 Jahren wieder eine literarische Gemeinschaftsproduktion zu planen. Sie einigten sich auf das Thema SEX und verteilten die Arbeitstitel „cybersex, tantrischer Sex, Sex über 30 und Schuldnersex“. Mit der zusätzlichen Veröffentlichung themenunabhängiger Texte von Ludwig Roman Fleischer, Günther Kaip und Dieter Payer entstand eine Zeitschrift mit dem Untertitel „Sexistenzen und andere Tendenzen“.

 

AutorInnen Nummer 15:


Ludwig Roman Fleischer, Hans W. Grohs, Günther Kaip, Dirk Ofner, Dieter Payer, Michael Pokorny, Kurt Wölflingseder

Nr. 16, Sondernummer „stop“ Frühjahr 1996


 

Am 31. Aug. 1995 lagen der Jury (Hans W. Grohs, Kurt Wölflingseder und Dirk Ofner) 83 Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum vor. Sie entschied sich, den Preis auf Herbert Berger und Ilse Krüger zu gleichen Teilen aufzuteilen. In der Sondernummer wurden auch die Texte von Petra Nagenkögl und Andreas Findig abgedruckt.

 

AutorInnen Nummer 16:


Herbert Berger, Andreas Findig, Ilse Krüger, Petra Nagenkögl

Nr. 17, Dezember 1996


 

In der Nr. 17, die am 28. 11. 1996 mit Lesungen (Hans M. Krydl und Herbert Maurer), Musik (Auftritt der Band „EXIT“) und Disco in der ARGE Kulturgelände Nonntal präsentiert wurde, sind auch Texte von Bettina Balàka, Georg Bydlinsky und Dirk Ofner vertreten. Die bildnerische Gestaltung übernahmen Anton Blitzstein und Roswitha Müller.

 

AutorInnen Nummer 17:


Bettina Balaka, Georg Bydlinski, Hans M. Krydl, Herbert Maurer, Dirk Ofner

Nr. 18, Sondernummer „pest“ Februar 1997


 

In der Sondernummer pest sind drei Texte veröffentlicht: „Franzeska und Sepelio“ von Christian Peter Kopetzky, „LIEBE SEUCHE – SEUCHE LIEBE“ von Heimo Toefferl und der Preisträgertext “ÜberGänge“ von Karlheinz Barwasser. Und an dieser Stelle wollen wir uns nochmals entschuldigen: Dafür, dass wir diesen lyrisch gemeinten und auch lyrisch verfassten Text zum Entsetzen von Karlheinz Barwasser als Prosatext abgedruckt haben.

 

AutorInnen Nummer 18:


Karlheinz Barwasser, Christian Peter Kopetzky, Heimo Toefferl

Nr. 19, Mai 1998


 

Am 30. 4.1998 feierte erostepost das Erscheinen der Nummer 19 mit einer Walpurgisnacht in der ARGE Kulturgelände Nonntal. Bettina Balàka und Egyd Gstättner lasen aus ihren Werken, „Bolzano & Maleh“ sorgten für den kabarettistischen Teil des Abends und die anschließende Hexendisco dauerte bis in die frühen Morgenstunden.

 

AutorInnen Nummer 19:


Bettina Balàka, Ludwig Roman Fleischer, Egyd Gstättner, Günther Kaip, Henning Niemeyer-Lemke, Petra Schachinger, Torsten N. Siche

Nr. 20, November 1998


 

„Vier Ordner, über hundert Einsendungen und noch mehr Texte waren zu lesen. Ein Literatur-Marathon also. Jeder Text beanspruchte vom Leser bzw. Redaktionsmitglied eine Vielfalt aus Konzentration, Aufmerksamkeit und Umsetzungsvermögen. Die redaktionelle Entscheidung, aus dieser Fülle von Zeilen, Sprachen und Themen, sowie Stilen, Formen und Inhalten einen Rahmen für die neue Zeitung zusammenzustellen, war eine interdisziplinäre Überprüfung des eigenen Literaturverständnisses.“ So steht es im Editorial der Nr. 20 und so ist es auch heute noch.

 

AutorInnen Nummer 20:


Olga Beschenkovskaja, Michaela Heberling, Laura Konjetzky, Björn Kuhligk, Hans Lutsch, Daniel Mylow, Dirk Ofner, Rotraud Sarker, Jan Wagner

Nr. 21, „Übermänner“ Mai 1999


 

Zum zweiten Mal schrieb die erostepost ein Männerthema für ihre Zeitschrift aus: „Mannsein heute – zwischen Verunsicherung und Veränderung“. Es entstand die Sondernummer ÜBERMÄNNER – Texte über Männer, von Männern und Frauen für Männer und Frauen mit einer bunten Textauswahl. Wichtig war uns bei dieser Zeitschrift auch, das Tabu „des nackten Mannes als Dekoration“ zu brechen. Die entsprechenden Fotos mit dem Arbeitstitel „Mann und Erotik“ lieferte die Salzburger Fotografin Ursula Lindenbauer.

 

AutorInnen Nummer 21:


Clemens Brunn, Andreas Gruber, Ludwig Roman Fleischer, Beate Klepper, Dirk Levsen, Ulrike Kotzina, Elke Papp, Dieter Schnack, Gregor Stipicic

Nr. 22, Dezember 1999


 

Die Nummer 22 wird am 17. Dezember 1999 im Literaturhaus präsentiert. Der bekannte Salzburger Fotograf Hanns Otte ist für die bildnerische Gestaltung verantwortlich.

 

AutorInnen Nummer 22:


Uwe Neuhold, Werner Baur , Ulrike Kotzina, Thomas Maurenbrecher, Jan Wagner, Torsten N. Siche, Ewart Reder, Christoph Kletzer, Petra Schachinger, Marianne Gaponenko, R. Schmitz-Scherzer, Andreas Hausfeld, Thilo Schmid, Georg Bydlinski, Rotraud Sarker, Friedrich Huber;

Nr. 23, Mai 2000


 

wird am Samstag, 20. Mai 2000 im Literaturhaus präsentiert. Wieder hat die erostepost aus den zahlreichen Einsendungen eine kleine Auswahl für ihre neue Zeitschrift zusammengestellt. Unter anderem finden sich in der Nr. 23, für die kein spezielles Thema ausgeschrieben war, zwei Autoren: Torsten N. Siche (Heidelberg)wird an diesem Abend seinen Text „Abseits“ vorstellen, in dem er mit sprachlicher Raffinesse einen mit wenig Erfolg fußballspielenden Jungen beschreibt, der auch in den folgenden (nicht näher definierten) Kriegswirren zu einem lediglich beobachtenden Spielball fremder Kräfte wird. Hans Lutsch (Salzburg) liest den „Fliegentod“, ein skurriles Märchen, für das er bereits den Literaturpreis „freies lesen“ erhielt.

 

AutorInnen Nummer 23:


Torsten N. Siche, Hans Lutsch, Ewart Reder, Inga Sawade, Ulrike Kotzina, Holger Benkel, Marina Linares, Eva-Maria Fischer und Georg Hann.

Nr. 24


 

Die Nummer 24, die bildnerisch von Ignaz Blazovich gestaltet wurde, findet sich ein Auszug aus dem Roman „Lucie“ von Luitgard Eisenmeier, der noch auf einen Verlag wartet und ihn auch verdient hätte. Es finden sich „Der Rechenfehler“ von Reinhard Glassl und „Die Tankstelle“ von Anka Bettina Bach“, Gedichte von Christian Hartung, Holger Benkel, Rotraud Sarker und Arnd Wuillemet, „Eine lange Zeit“ von Daniel Klaus, „Wasserstein-Hirschstein-Mittagsstein“ von Harry Baumgartner, „über unter gänge“ von Dirk Ofner und zwei Texte von Markus Orths.

 

AutorInnen Nummer 24:


Luitgard Eisenmeier, Reinhard Glassl, Anka Bettina Bach, Christian Hartung, Holger Benkel, Dirk Ofner, Markus Orths, Rotraud Sarker, Harry Baumgartner, Arnd Wuillemet, Daniel Klaus;

Nr. 25, August 2001


Schreiben: Intuition und Hirn, Eingebung und Vergebung, Abstraktion der Gefühle, Welt entstehen lassen und vergehen lassen ohne tödlich zu verunglücken.                                    

 August 2001: Die erostepost Nr. 25 ist fast fertig, eine Jubiläumsnummer, weil wir es so entschieden haben, Dirk und ich. August 1987: Die erost-epost Nr. 1 ist fertig. Eine Gruppe junger Salzburger Schreibender teilt mit ein paar hundert Lesenden, was durch sie durch ist, in verschiedener Weise, viel war Würgen aus Verzweiflung, einiges war Schreien und auch Lust, Lust an den unendlichen Möglichkeiten des Lebens. Auch das Körperliche, Sexuelle drängte nach gewaltfreiem Ausdruck und schon die Nr. 4, die Sondernummer zum 1. erostepost-Literaturpreis “eros”, bot eine mittlerweile von Autorinnen und Autoren aus allen Teilen Österreichs getragene Auswahl von Wort gewordenen Fleischdramen. Die Vergänglichkeit, das Kommen und Gehen und die Oxidation führte zur Sondernummer  “rost”, Nr. 6, ein Jahr später, und über viele Köpfe zu “OVERHEAD”, der Nr. 7, die inhaltlich und vom Konzept her das Abschlussprojekt der “Gruppe erostepost” wurde. In diesem Jahr wurde auch das “Literaturhaus Eizenbergerhof” eröffnet, und wir zogen gemeinsam mit unseren Konkurrenzverlegern von “prolit” in ein kleines Büro des Hauses und bereicherten uns gegenseitig so gut es ging, bis “prolit” in einen anderen Raum wechselte und die Herausgabe der Zeitschrift einstellte. Die Verantwortlichen der “Stadt Salzburg”, allen voran damals Bürgermeister Dechant, versuchten die Literaturszene Salzburg in den Griff zu bekommen und schafften es durch Geldverschiebeaktionen “erostepost” an den Rand zu drängen und einen riesigen Konkurrenten “Literaturhaus” mit viel Geld aufzublähen und ein unfruchtbares “Habe-Habenichts-Konkurrenzverhältnis“ zu etablieren. Ein Wunder bleibt, dass es die “Stadtliteraturinstitutionalisierer” bisher versäumt haben, über ihr Zuchthaus (=gezüchtetes Haus, wie es einem/einer gefällt) eine eigene Literaturzeitschrift herauszugeben und einen eigenen Literaturpreis einzuführen. So mussten wir zwar den erostepost-Literaturpreis wegen ständiger Kürzungen der finanziellen Mittel einstellen und einer großen Lücke wieder Platz geben, konnten aber Nummer für Nummer die Zeitschrift erostepost entstehen lassen ohne in Routine zu verfallen, und jedes Mal neu zittern, neu zweifeln, verzweifeln, lachen und eingebracht sein. Und so jubeln wir und feiern mit allen Autoren und Autorinnen, Lesern und Leserinnen und natürlich auch mit den Stadtpolitikern und den Stadtpolitikerinnen, denn die sind schließlich auch nur Menschen. – Kurt Wölflingseder


AutorInnen Nummer 25:

Ursula Schliesselberger, O. P. Zier, Susanne Alge, Josef Haslinger, Christian Futscher, Wilfried Steiner, Kathrin Röggla, Olivia Keglevic, Adelheid Dahimène, Norbert Silberbauer, Manfred Teufel, Bettina Balàka, Gabriele Kögl, SAID, Ludwig Roman Fleischer, Andreas Findig, Georg Bydlinski, Heimo Toefferl, Egyd Gstättner, Michaela Heberling, Ulrike Kotzina, Fritz Huber, Holger Benkel, Markus Orths;

Nr. 26


 

Erstmals fällt uns die  20jährige ukrainische Lyrikerin Marjana Gaponenko auf. Die Fotos, diesmal Naturaufnahmen, stammen von Elke Haslhofer.

 

AutorInnen Nummer 26:


Werner Baur, Marjana Gaponenko, Carsten Brinzing, Reinhold Schrappeneder, Stephan Geesing, Annika Senger, Nora Bossong, Moritz Fichtner, Marlen Schachinger, Torten N. Siche, Ulrich Bergmann, Ursula Schliesselberger, Dieter P. Meier-Lenz;

Nr. 27, erostepOSTwärts


Ich habe früher den Ostblock immer weitgehend gemieden. Während mich meine Reisen durch Südostasien, Teile Nordamerikas und Australiens sowie Nordafrikas und natürlich die Länder Westeuropas führten und ich dabei Strapazen gerne auf mich genommen habe, hat mich die eiserne Miene der Grenzbeamten hinter den eisernen Vorhängen, das Grauingrau der Häuserblocks und der Gesichter, der Staßenbahnen und der Bahnhöfe an die Möglichkeit erinnert, depressiv zu werden. Als ich 1986 das einzige Mal Polen besuchte, war ausgerechnet November und das trug nicht gerade zur Aufhebung der zuvor geprägten Bilder bei. Ich ließ die Stimmungen auf mich wirken, fuhr kreuz und quer durch Westpolen und landete schließlich in Stettin, einer Grenzstadt zur DDR. Ich wollte den ersten Zug nach Ostberlin nehmen und der war laut Fahrplan um fünf Uhr morgens. So verbrachte ich meine letzten Stunden in Polen im Warteraum eines kleinen, sympathischen Bahnhofs, beobachtete mich, beobachtete die Leute und schrieb die Kurzgeschichte „Karlis Kinder“, eine Geschichte über Karli, die damit endete, was in hundert Jahren sein würde. Früh am nächsten Morgen trat ich dann die Heimreise an. Von Ostberlin war ich über ein kompliziertes Treppensystem irgendwie nach Westberlin gelangt, von dort per Autostopp durch die DDR und zurück nach Salzburg, wo ich im Dezember Dirk Ofner kennenlernte. Gemeinsam gründeten wir erostepost. Im August 1987 erschien die erste Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift und „Karlis Kinder“ war der erste Beitrag meinerseits. Während wir daran arbeiteten, weitere Ausgaben von erostepost wahr werden zu lassen und 1990 die Sondernummer zum ersten erostepost-Literaturpreis unter dem Motto eros erschien,  war es im Osten bereits zum Bersten und noch im selben Jahr fiel die Mauer. Ein Jahr später war fast die ganze Sowjetunion zerfallen, auch Tschetschenien, am Rande Europas, hatte wieder einmal die Loslösung von den Russen bekannt gegeben, was Russland bis heute nicht akzeptiert hat. Die Ukraine hingegen, das zweitgrößte Land Europas, ist richtig unabhängig geworden und heute Beitrittskanditatin für die EU-Osterweiterung. Die Ukraine, in der 1986 das AKW Tschernobyl den Supergau bewiesen hat, hat seit damals vier weitere Atomkraftwerke in Betrieb, sie hat seit 1996 als Zahlungsmittel die Griwna und seit 1981 überdies eine hervorragende Lyrikerin, Marjana Gaponenko. Um fliegen zu können braucht Europa vielleicht zwei Flügel, den Westflügel und den Ostflügel. Um atmen zu können braucht jeder Mensch ein Herz zwischen den Lungenflügeln, bei Marjana Gaponenko nenn ich es Ostsherz. Viel Vergnügen beim Lesen aller Beitrage der erostepost Nr. 27. Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 27:

Marjana Gaponenko, Ludwig Roman Fleischer, Torsten N. Siche, Rotraud Sarker, Dirk Ofner, Heinke Hannig, Fritz Huber, Claudia Brendler, Daniel Breuer, Sissi Schmied, Carmen Caputo.

Nr. 28, e – wie emil und die detektive


Kriminalgeschichten Jurybegründungen Halt mich ganz fest, sagt die Freundin des Erzählers. So nackt, so zwischen den Geranien, sieht sie aus wie eine missratene Schönheitskönigin, eine, die nach Kohl und Essigreiniger riecht. Ganz fest, fügt sie hinzu. Ihre Stimme, klebrig und gierig wie Hefeteig. Er lässt sie fallen und irrt von nun an mit seiner Schuld alleine umher, keiner gesteht sie ihm zu, ein anderer, der Freund Georg, wird belangt. Dessen Bruder Martin nimmt sich ebenfalls ein Stück dieser Schuld. Der Erzähler besucht mit diesem die Eltern der fallen gelassenen Anna. Ich war’s. Er spricht es aus. Annas Vater: Niemand ist Schuld. Er geht mit Martin, der greift nach seiner Hand, klammert. Martin geht an seiner Hand wie ein Hund an der Leine. Einen Schritt, dann noch einen. Der Erzähler spürt den Druck seiner Hand, stärker noch als vor einem Moment. Abrupt bleibt er stehen. Mit einem Ruck befreit er sich. Der Bruder sagt nichts. Er geht einfach weiter. Den einen Schritt. Er starrt auf die freigewordene Hand. Dann wird er von der Bahn erfasst. Und wieder bleibt der Erzähler allein mit seiner Schuld. Es wird zum Prinzip, dass Georg und seine Familie mehr und mehr als Schuldige gesehen werden, der Erzähler proportional dazu als integer, als einer, der gar nicht in Frage kommt. Mit Staunen und Schaudern nimmt er die Ereignisse und die Reaktionen der Menschen darauf zur Kenntnis, findet sich mit dieser Rollenverteilung ab, bis er zuletzt auf Georg gehetzt wird… Einen Schritt, dann noch einen heißt dieser Kurzkrimi von Torsten N. Siche aus Heidelberg, der sich den erostepost-Literaturpreis 2003 zu gleichen Teilen mit Helwig Brunner aus Graz teilt. In Brunners Scherenschnitte folgt der Leser oder die Leserin geradlinig und gespannt dem Objektschützer Robert, der, nicht ahnend wieso, in einen Mordfall, bei dem eine attraktive Frau getötet wird, verwickelt ist. Dabei spielt eine Macke Roberts, mit der er wegen eines kindlichen Traumas leben muss und umzugehen gelernt hat, eine immer bedeutendere Rolle. Robert ist das gewohnt. Diese kleinen und größeren Risse in seinem Gedächtnis, die niemandem auffallen außer ihm selbst, die jeder für sich kaum auffällig sind, bloß in ihrer Häufigkeit, in der Dichte des Musters, das sie bilden. Andere, sagt er, erfinden etwas, wo vorher nichts ist und nennen es manchmal Kunst. Leerstellen freizulegen, wo vorher etwas war, ist hingegen seine Kunst. Eine Fantasie mit umgekehrten Vorzeichen. Doch sein Vermögen, zu vergessen und Vergessenes vergessen zu halten, ist unverlässlich genau in einem Moment, in dem er es brauchen würde. Erinnerung ist, wenn das Vergessen versagt, denkt Robert. Neben den Ereignissen, die Robert löscht, neben dem Vergessen, das er löscht, löscht er auch eine für ihn wichtige Nachricht auf seinem Anrufbeantworter. Eine spannende Geschichte. Viel Vergnügen und Spannung beim Lesen aller 4 Kriminalgeschichten Kurt Wölflingseder Der Text von Torsten N. Siche trat insbesondere sprachlich aus dem Gros der Einsendungen hervor: Präzise, nachvollziehbare Stimmungsszenarien und detailgetreue aber nicht verliebte Beschreibungen, die in Kombination plastische Vorstellungen in der Gedankenwelt des Lesers/der Leserin justieren, sowie eigenwillige Wortkreationen und Metaphern schaffen die Grundlagen für eine abwechslungsreiche Lektüre. Die Handlung selbst, mit ihren Zeitsprüngen, Rückblenden und vor allem Auslassungen, verlangt allerdings vom Leser einiges an detektivischem Gespür und so kann der vorliegende Kriminalfall wohl nur vom Autor selbst restlos geklärt werden. Der Text von Helwig Brunner bestach durch seinen klar durchgezogenen – wenn auch in wenigen Passagen unglaubwürdigen – Handlungsstrang, der trotz seiner Konsequenz immer wieder für überraschende Wendungen gut ist und in dem auf wenigen Seiten alles verpackt ist, was einen spannenden Krimi ausmacht. Sprachlich allerdings hält sich der Text an das höchstens Übliche in diesem Genre. Dirk Ofner


AutorInnen Nummer 28:

Helwig Brunner, Torsten N. Siche, Andreas Gruber, Christian Hoja.

Nr. 29,


Sehr geehrte/r Leser/in! Als die erste erostepost im August 1987 erschien, stellte sie eine Möglichkeit dar, Texte der Mitglieder der damaligen Literaturgruppe erostepost zu veröffentlichen. Schon bald verlor sie aber den Charakter eines Instrumentariums in eigener Sache und schon 1990 kam die Sondernummer “eros” zum gleichnamigen, von uns damals ausgeschriebenen Literaturpreis heraus. Seither versteht sich unsere Literaturzeitschrift als ein Forum für junge (noch unbekannte) Autor/inn/en, die in deutscher Sprache schreiben, in welchem Land sie auch immer beheimatet sind. Eingang in die Zeitschrift finden nach Möglichkeit nur bis dahin unveröffentlichte Texte. Wir sehen uns als Förderer junger Literatur, da wir die Literat/inn/en, deren Texte wir veröffentlichen, oft erstmals einem über deren unmittelbares Umfeld hinausgehenden Leserkreis vorstellen und andererseits die literarische Arbeit mit Belegexemplaren und einem Seitenhonorar anerkennen. Obwohl wir die letzten Jahre starke Kürzungen unseres Budgets seitens der Subventionsgeber hinnehmen mussten und die Lage im Sponsoringbereich in unseren Breiten noch nie rosig war, legen wir Wert darauf, das Honorar von Euro 32,— pro veröffentlichter Seite aufrecht zu erhalten und lieber in anderen Bereichen, zum Beispiel bei den Veranstaltungen, zu sparen. In den letzten Jahren haben die Texteinsendungen kontinuierlich zugenommen und so sind wir meist mit drei bis fünf dicken Ordnern voller Texte für eine Zeitschrift konfrontiert. Trotz dieser Menge an Lesestoff und der damit verbundenen Arbeit freuen wir uns jedesmal auf die spannende Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Inhalten und Stilen. So lagen uns für diese Ausgabe der erostepost insgesamt 118 Einsendungen (Mehrfacheinsendungen nicht gerechnet) vor, die uns von Oktober 2002 bis Oktober 2003 erreichten. 74 Autoren und 44 Autorinnen wünschten sich eine Veröffentlichung in erostepost. 41 mal wurde Lyrik eingereicht, 77 der Einsendungen waren Prosatexte. 74 Einsendungen kamen per Schneckenpost, 44 Einsendungen wurden uns gemailt. Deutschland war mit 80 Einsendungen am stärksten vertreten. 31 Einsendungen erreichten uns aus Österreich, 3 kamen aus der Schweiz und jeweils eine aus Italien, Estland, Australien und China. Wir wünschen Ihnen, liebe/r Leser/in, spannende, unterhaltsame aber auch nachdenkliche und besinnliche Stunden bei der Lektüre jener Auswahl, die wir für Sie getroffen haben. Dirk Ofner, Kurt Wölflingseder


AutorInnen Nummer 29:

Werner Baur, Günther Kaip, Ron Winkler, Carsten Brinzing, Franz Schöfbeck, Johanna Reinthaler, Manuela Huber.

Nr. 30, r – wie raumschiff enterprise


science-fiction-stories Im April 2003 haben wir nach der Vergabe unseres Literaturpreises für Kriminalgeschichten und dem Erscheinen der dazugehörigen Sondernummer einen Preis für Science-Fiction-Stories ausgeschrieben. Wir erwarteten uns weniger Beschreibungen von Außerirdischen, fremden Planeten oder Weltraumschlachten, als Auseinandersetzungen mit möglichen, zukünftigen Entwicklungen auf diesem Planeten und deren Auswirkungen auf den Einzelnen. Bis zum Einsendeschluss am 31. 12. 2003 erreichten uns 25 Einsendungen aus denen wir für die vorliegende Sondernummer die Texte von einer Autorin und drei Autoren ausgewählt haben. Das Gros der Texte dachte die Umweltzerstörung, die Gefahren der Informationsgesellschaft und die Auswirkungen virtueller Realitäten auf die menschliche Sozialisation weiter. Kein einziger Text entwarf ein positives Szenario. In der Diskussion über die vorliegenden Texte waren wir uns schnell einig, den mit Euro 1.500,– dotierten Preis an Robert Anders für seine Einreichung „Eiszeit“ zu vergeben. Eiszeit: …. das ist der Blick in eine Zukunft, in der die Frauen unter sich sind und Männer nur noch als tiefgefrorene Wesen vorkommen, die bei sexuellem Bedarf aufgetaut werden. Eiszeit: das ist eine Liebesgeschichte, weil sich die Frau, von der hauptsächlich die Sprache ist, in den Mann verliebt, den sie sich für eine Nacht auftauen hat lassen, und diese Liebe geht so weit, dass sie Kopf und Kragen riskiert, um mit ihrem Geliebten aus der Frauengesellschaft ins „Outlaw“ zu fliehen, wo noch Frauen und Männer gemeinsam leben. Eiszeit: das ist ein anonym zugesandterText, bei dem wir bis zur Auflösung nicht wussten, ob er von einer Frau oder von einem Mann geschrieben wurde. Eiszeit: das ist ein literarisch hochwertiger, spannender und zugleich über die Gender-Thematik zum Nachdenken anregender Text, der auf jeden Fall eindeutig den diesjährigen Literaturpreis zum Genre „Science-Fiction“ verdient hat. Dirk Ofner Kurt Wölflingsder


AutorInnen Nummer 30:

Robert Anders, Elisabeth Klar, Andreas Renoldner, walter meissl.

Nr. 31


Die Fotos zu diesem Heft kommen von Holger Biermann. Er ist Fotograf und Journalist. Nach dem Besuch der Axel Springer Schule lebte er über zwei Jahre in New York. Je sechs Monate arbeitete er dort als Reporter für den deutsch-jüdischen Aufbau und den Springer-Auslandsdienst. Es folgte ein Jahr Ausbildung beim International Center of Photography sowie ein Praktikum bei der Fotoagentur Magnum. Seit seiner Rückkehr im Herbst 2003 wohnt der 30jährige in Berlin. Die Kreuzberger Galerie Superhorst zeigte im Juni erstmals seine Bilder: Momente flüchtiger Begegnung, Augenblicke der Stille, Sekunden der Leichtigkeit. Straßenfotografie Der Fotojournalist sucht nach Bildern, die ein Ereignis treffend auf den Punkt bringen. Der Straßenfotograf arbeitet anders: Er findet das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen. Er lebt von Zufällen und Augenblicken, in denen das herrschende Chaos zu visuellen Einheiten verschmilzt. Snapshot-Fotografie, sagt man. Ein Begriff, der ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert stammt und in England den ziellos umherirrenden Hirsch- und Hasenjäger verspottete – „erst schießen, dann zielen“. Dem Fotojäger erlaubt dieses Konzept die Befreiung von formalen und inhaltlichen Zwängen. Er ist neugierig. Er will nichts weniger als das wirkliche Leben erkunden. Und um dies zu finden, wandert er viel und fotografiert noch mehr. Die Anonymität der Großstadt erlaubt es ihm.

 

AutorInnen Nummer 31:


Andrea Sailer, Jochen Weeber, Anna Mitgutsch, Thomas Frahm, Dirk Ofner, Kiki Leicht, Moritz Fichtner, Torsten N. Siche, Carsten Brinzing.

Nr. 32, Oktober 2005


Beziehungen Was geht in der erwachsenen Tochter vor, wenn ihre Mutter, die hinter ihr eine Hängebrücke überquert, kurz vor dem endgültigen Absturz steht? Was in einem Vater, der seine Tochter ans Bett fesselt, um sie vor ihrer Drogensucht zu schützen? Wie reagieren zwei Brüder wenn der dritte während eines Trips durch Amerika unerwartet mit dem Sterben konfrontiert ist? Was passiert auf der Fahrt zur Abtreibungsklinik zwischen den jungen Liebenden, und wie drückt sich ein junges Partygirl, das, ohne einen Rahmen dafür zu haben, plötzlich schwanger ist ihrer Freundin gegenüber aus? Die vorliegende Ausgabe der erostepost ist ohne Absicht eine Sammlung von Prosatexten geworden, in denen es vorwiegend um Beziehungen geht. Um alltägliche und weniger gemeine, aber durchgängig beschrieben in einer Art und Weise, die Einsichten erlaubt, die Verborgenes und Unerwartetes preisgibt. Diese Texte, die wir auswählten, weil sie literarisch überzeugten, präsentieren sich, nach der Zusammenstellung für die Zeitschrift, mit weiteren Qualitäten: Sie beschreiben die Vorgänge nicht wie sie sind, sondern wie die Personen sie empfinden. Dabei wird der Leser oder die Leserin in neue, zusätzliche Geschichten verwickelt, da er oder sie beginnt, Stellung zu beziehen, ohne sagen zu können, wer gut und wer böse ist, wer richtig und wer falsch gehandelt hat. Ausnahmen Erostepost sieht sich in erster Linie als Förderer junger (d. h. noch unbekannter), deutschsprachiger Autor/inn/en aller Nationen durch Erstveröffentlichungen in der Zeitschrift und Einladungen zu Lesungen nach Salzburg. Hier machen wir seit der letzten Ausgabe eine Ausnahme, in dem wir jetzt in jeder Zeitschrift auch bis dahin unveröffentlichte Texte eines bekannten Autors oder einer bekannten Autorin abdrucken. In der Nr. 31 war dies das „Porträt einer Freundschaft“ aus dem Projekt „Abschiedsbriefe“ von Anna Mitgutsch, in der vorliegenden Ausgabe ist dies ein Text, den Rosa Pock gemeinsam mit Peter Ahorner geschrieben hat. Üblicherweise berücksichtigen wir in erostepost keine Übersetzungen. Thomas Frahm, von dem wir eine Kurzgeschichte in der Nr. 31 veröffentlicht haben, konnte uns aber von der Wichtigkeit des Romans „Verfall“ von Vladimir Zarev aus Bulgarien überzeugen, den er gerade übersetzt hat und der 2006 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen soll. So haben wir in der vorliegenden Nr. 32 Auszüge aus dieser Übersetzung abgedruckt.


AutorInnen Nummer 32:

Constantin Göttfert, Sandra Niermeyer, Rosa Artmann-Pock Peter Ahorner, Vladimir Zarev, Thomas Frahm, Evelyn Safian, Daniel Klaus, Torsten N. Siche, Herbert Hindringer

Nr. 33, März 2006


Nach dem Literaturpreis für Kriminaliteratur (2003) und dem für Science-Fiction-Stories (2004) schrieb erostepost im vergangenen Sommer einen Lyrikpreis für 2006 aus. Das Thema war „0de an die Freude“ und diesem Titel ent-sprechend erwarteten wir „meist reimlose lyrische Dichtung in kunstvollem Stil“, die sich keinen formalen Zwängen unterwirft (keine Haikus, Anagramme, Sonette, usw.) und inhaltlich über-wiegend positiv besetzt ist, also auch Themen wie Hoffnung, Freude, Liebe, Glück, usw. transportiert, ohne deshalb unkritisch oder klischeehaft sein zu müssen. Es waren exakt zehn Gedichte verlangt. Nach dem Einsendeschluss am 31. 12. 2005 lagen uns genau 100 Einreichungen vor. Wir fanden, dass die Gedichte von Ron Winkler und Myriam Keil mit Abstand aus dem Gros der Einsendungen herausragten. Bei Ron Winkler beeindruckte mich die exzellent komponierte Mixtur aus präzise und pointiert formulierten Bildern mit augenzwinkernd eingeworfenen Begriffen aus der modernen Informationsgesellschaft. Dadurch, und weil er in seinen Kompositionen die Freude quasi durch eine virtuelle Brille betrachtet, ist es ihm unter anderem gelungen, den etwas verstaubten Begriff der Ode für das Computerzeitalter zu aktualisieren. Die von Myriam Keil entworfenen, überwiegend positiven Stimmungsbilder haben für mich bei aller Exaktheit etwas angenehm Unkonstruiertes, dessen überraschenden Wendungen es leicht fällt, den Leser zu berühren. Da wir Wert darauf legten, abgesehen von den Preistexten nur Gedichte in diese Zeitschrift aufzunehmen, die uns alle drei besonders beeindruckt haben, ist diese Ausgabe etwas dünner als die letzten geworden, aber, wie wir meinen, trotzdem sehr dicht. Myriam Keil drückt in ihren Gedichten das Leben ohne Schnörkel, aber sehr poetisch aus. Sie verwendet ungekünstelte Worte, die sie treffend neu arrangiert. Sie beschreibt Nähe auf unausgetretenen Pfaden, mit der Wellenlänge unbekannter Farben, die sie freudvoll erwärmt. Die kritische Erkenntnis vom eigenen Ich wird ohne Belehrung transportiert. Sie drückt eine Zärtlichkeit aus, die sich nie aufdrängt, die hinaus wächst über alles persönliche Erleben. Der Weg ist glaubhaft, bedarf keiner Formel. Ihr Morgen gehört zum Jetzt, in der auch die Vergangenheit versammelt ist, die Zukunft beginnt erst übermorgen. Trotz mancher Enjambements bedürfen ihre Verse keiner Satzzeichen, um Bedeutung zu gewinnen. Eine weitere ‚Ver‘-Dichtung ihrer Dichtung wäre Amputation. Sie betreibt – ganz im Stillen – ‚vergleichende Verhaltensforschung‘, schickt dann alles durch ein Brennglas, zirkelt dort ab, wo die Unschärfe beginnt: eine Geometrie auf Gefühlsebene. Dadurch klettern ihre Gedichte ins Allgemein-Gültige ohne zu verallgemeinern. Ron Winkler entführt uns liebend gerne in weit entfernte, manchmal fast virtuelle, vorzugsweise auch fremdsprachige und nasse Gegenden. So ungewohnt seine Ideensprünge auch sind, die er in seinen Gedichten vollzieht, so stimmig sind sie dennoch in ihrer Kombinatorik, die nie gekünstelt wirkt. Aus ihnen lacht uns Heiterkeit entgegen, so dass sie uns den Mund wässrig machen, allein mit ihnen ‚zu zweit‘ zu sein. Dafür bemüht er leichten Fußes über längere Strecken auch die Persiflage für eine zeitgemäße Inszenierung der Freude. Während wir zu dritt das eine oder andere der 1000 Gedichte wieder und wieder in Frage kommen ließen, verwarfen, beäugten, vorlasen und fallen ließen auf Stapel, waren Kopf und Bauch gleichermaßen gefragt. Die dreiköpfige Jury wurde zur dreibäuchigen und zurück. War die formale Ausführung hervorragend, so konnte es sein, dass die Begriffe und Worte althergeholt und unreflektiert eingesetzt waren und das Eigene und Neue fehlte. Hatte ein Beitrag eine erfrischend neue Form oder gewagte Einfälle, war es vielleicht andererseits so, dass wir keine Aussage, keine Bedeutung finden konnten. Waren unsere Bäuche positiv betroffen oder berührt, war es womöglich, sobald wir zum Kopf zurückkehrten, als hätte uns jemand überlistet, mit kleinen Taschenspielertricks Illusionen erzeugt. Letztlich wurde klar, dass wir als kompromisslose Jury die Preise nur wie vergeben vergeben konnten und in weiteren Auseinandersetzungen nur die in der vorliegenden Ausgabe der Literaturzeitschrift erostepost vertretenen Beiträge vertreten konnten. Somit war die seitengeringste Ausgabe seit Bestehen der Zeitschrift erostepost beschlossen. Wir einigten uns auf: “Dünn aber dicht“.

AutorInnen Nummer 33:

Ron Winkler, Myriam Keil, Markus Waldura, Monika Vasik, Adelheid Dahimène, Martin Ohrt


Nr. 34, Oktober 2006


Anlässlich der Präsentation der erostepost Nummer 34, lasen der Braunschweiger Autor Moritz Fichtner und der Salzburger Autor Dirk Ofner, von beiden sind auch Beiträge in dieser Ausgabe nachzulesen, im Literaturhaus Salzburg. Der bildende Künstler Franz Kapfer, der von 1996 bis 2005 die Akademie der Bildenden Künste besuchte und zahlreich Ausstellungen und Preise vorzuweisen hat, steuerte extravagante Fotos mit historischen Städtemotiven (Salzburg, Wien) bei.

 

AutorInnen Nummer 34:


Moritz Fichtner, Wiebke Maginess, Dirk Ofner, Sandra Niermeyer, Sabine Imhof, Amber Rusalka Reh, Torsten N. Siche, Dieter P. Meier-Lenz, Jochen Weeber Klaus Roth, Kerstin Rose Schlageter, Mark D. Bergfeld

Nr. 35, Sondernummer Literaturpreis 07 Mai 2007


1. Preis: ex aequo an Katharina Bendixen (Leipzig), geboren 1981, mit ihrem Beitrag: In den Kreisen um die Kreise / Draußen vor der Wand und Karin Feltes (Mainz), geboren 1977, mit ihrem Beitrag: Und wenn sie nicht gestorben ist… 2. Preis: Gabriele Kögl, (Wien), geboren 1960, mit ihrem Beitrag: Kein Meer unter dem Weihnachtsbaum Editorial 1 Wir erwarten Märchen in der Länge von etwa 10 Seiten, die sich auf wichtige Themen unserer Zeit einlassen, egal wie unangenehm diese sind, und die inhaltlich aufbrechen, um neue Küsten anzudenken, auch wenn diese vielleicht nur mit einer Wunderlampe erreicht werden können. So lautete unsere Ausschreibung zum diesjährigen Literaturpreis zum Buchstaben s – wie Sindbad und die Seefahrer, der wie immer mit 1.500 Euro dotiert war. Es langten 276 Einsendungen in der Redaktion ein und die Jury, bestehend aus Margarita Fuchs, Kurt Wölflingseder und mir, entschied, den Preis auf drei Einsendungen aufzuteilen. Katharina Bendixen (geboren 1981, lebt in Leipzig) lieferte einen experimentellen Text ab, der sich in seinen eindringlichen Wiederholungen auf skurrile Weise der Überalterung der Gesellschaft und dem Problem „Wohin mit den Alten?“ annimmt, Karin Feltes (geboren 1977, lebt in Mainz) lässt in ihrer Geschichte eine Pubertierende und Magersüchtige zu teils frechem Wort kommen und Gabriele Kögl (geboren 1960, lebt in Wien) entwirft ein schauriges Bild des Klimawandels, das wie fast alle Märchen gut ausgeht. Die drei Texte sind mit einer Reihe anderer Märchen, die in die engere Auswahl gekommen sind, in dieser Zeitschrift veröffentlicht, die am 8. 5. 07 im Salzburger Literaturhaus mit Lesungen der Preisträgerinnen und einem Konzert der Jekyl & Hyde Park Band präsentiert wurde. Dirk Ofner Editorial 2 und Jurybegründung 1 Nicht alle modernen Märchen enden gut. Nicht alle modernen Märchen beginnen mit „Es war einmal…“ und nicht in allen modernen Märchen müssen Tiere vorkommen. Sie sollten allerdings literarisch einwandfrei sein und Bilder entwerfen und Gefühle hervorrufen, welche in der Tiefe der menschlichen Wahrnehmung wirksam werden. Das war unser Anspruch. Die Themen der modernen Märchen sind vielfältig, die Umwelt ist vielen Menschen ein Anliegen, Flüchtlingsdramen von Afrikanern Richtung Europa werden erzählt, die Tiefen der menschlichen Psyche ausgelotet oder aus dem Lot gelassen, neuere zeitgeschichtliche Umstürze oder Gegebenheiten sind Grundlagen. Aus einer großen Auswahl an Beiträgen blieben uns letztlich etwa ein Dutzend, das wir akribisch begutachteten, bis die drei Preisträgerinnentexte feststanden. Da es lange keine klaren Favoriten bei den Texten gab, mussten wir uns immer wieder die Frage stellen, welches Märchen nun den Anforderungen der Ausschreibung, des Lesers und der Leserin, sowie denjenigen in literarischer Hinsicht entsprach. Bei den drei prämierten Märchen fällt schließlich auf, dass Gut und Böse nicht mehr so klar zu trennen ist, weil sich die Kämpfe und Ungereimtheiten innerhalb eines Systems abspielen, welches durchaus in einer Einheit die dunklen und hellen Aspekte berücksichtigt. Da bleibt zuletzt das Märchen von den Alten, die nicht sterben, die jungen Alten, die deren Platz nicht einnehmen können und den Jungen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Es erzählt in einer bemerkenswerten Konsequenz das endlose Ende des Menschenlebens, das in der kleiner gedachten Welt, kleiner als sie ist, zum Hauptdilemma der Gesellschaft zu werden scheint. Da bleibt ein weiteres Märchen, in dem frech aber gut der Abgrund eines an Bulimie leidenden Mädchens anschaulich gemacht wird, in dem die Fee sich nicht um die nicht zur Reifung in eine angepasste Gesellschaft passenden Wünsche kümmern kann, sondern sie ins Gegenteil verkehrt und mit der Mutter der Kranken paktiert. Und es bleibt ein Märchen, in dem statt unseres Winters Wasser und Wärme alles verwirrt, Weihnachtsbäume nicht heil an Land kommen und der Vater keinen Adventkalender mehr bekommt in der Stadt und auch nicht von dort zurückkehren kann wegen all des Wassers. Erst als die Kinder eigenständig ein radikales Ritual ersinnen, gibt es ein erlösendes Ende. Kurt Wölflingseder Jurybegründung 2 Am Anfang standen die Fragen: Welcher Text zündet? Welcher Text hebt mich aus den Angeln? Oder später: Es gibt keinen Grund, sich mit weniger zufrieden zu geben. Und noch später: Warum schreibt man denn? Um in Erfahrung zu bringen, wie die Dinge wirklich stehen? Oder sollte ein Text narratives Terrain gründlich verrätseln? Wozu? Warum wollte er so und nicht anders erzählt werden? Und was passiert mit meiner Erwartung und dem Zwang der Schreibenden, so und nicht anders ihre Wendungen, Motive, Sätze und Figuren zu entwerfen? Aus einer Flut von Einsendungen blieben drei Texte im Kopf, die sich mit dem Schrecken des Jungseins, mit dem Schrecken des Altseins und dem Klimawandel beschäftigen. Sie beschreiben etwas, weil es da ist, vielleicht schon immer da war, zum Beispiel wie eine von sich selbst weit weg projizierte Seelenlandschaft in Dorian-Gray-Manier langsam aber beständig das Antlitz einer Fee besetzt und es schließlich zerstört. Das Magische trägt keine andere Dimension, sondern die kompromisslose Sprache eines magersüchtigen Mädchens, jung, direkt, verstörend unglücklich und außerstande, sich selbst zu finden. Die Koordinaten im nächsten Märchen sind andere: Da hat man „draußen vor der Wand“ das Sterben der Alten, drinnen „in den Kreisen“, schon berechnet. Mit Apfelmus und Pflaumenkompott ist diesem Krieg eine Weile beizukommen, vielleicht auch mit beschwörenden Wendungen und Formeln. Die Bilder des Verlusts und der Reduktion reichen bis in die versetzten Wortfolgen einer Syntax, die nicht für ihre Wahrheit bürgen will, aber sehr passend für eine verlorenen Zukunft steht, in der sich eine Erzählstimme die Welt raunend kleiner denkt. Und auch im dritten Text ist kein Schloss in Sicht, dafür schöne Bilder und Pferde, die vor einer irritierenden Wasserlandschaft scheuen. Aus grauweichem Boden wachsen die falschen Töne. Sie kommen mir seltsam vertraut vor. Festgeschriebene Naturgesetze verlieren in einer rhythmischen Sprache ihren Halt und in Folge die Erde ihre Farben. Märchen müssen nicht ausgewogen oder gar gerecht sein. Aber sie hatten immer die Aufgabe, unserem Hintergrund möglichst nahe zu kommen. Sie haben ihre eigene Wirklichkeit und in einem Fall (Kein Meer unter dem Weihnachtsbaum) auch ein gutes Ende, weil die Kinder die Sache in die Hand nehmen und dem Himmel ein Pferd schenken. So kann man Welt auch verklären, vielleicht sogar sie retten. Margarita Fuchs

AutorInnen Nummer 35:

Karin Feltes, Katharina Bendixen, Gabriele Kögl, Regina Lindemann, Silke Andrea Schuemmer, Marina Rosemann, Melanie Köhler, Günter Coufal

Nr. 36 Oktober 2007


Im September 2007 las Josef Haslinger anlässlich der Feierlichkeiten zum 20jährigen Bestehen von erostepost unter anderem seinen Text „mein erster chinese“, der nun in der Nummer 36 als Erstveröffentlichung nachzulesen ist. Die beiden Texte von Thomas Frahm und Marcus Imbsweiler stammen noch von den Einsendungen zum „Märchenpreis“ und waren der Jury würdig, veröffentlicht zu werden, jedoch passten sie nicht in die Märchennummer. Die Bilder stammen diesmal von Manfred Lemmerhofer, der von 1969 bis 1974 die Akademie der bildenden Künste in Wien besuchte und in der erostepost Nummer 36 erstmals Werke veröffentlicht. Die Originalzeichnungen sind durchgehend in DINA6-Format.


AutorInnen Nummer 36:

Josef Haslinger, Thomas Frahm, Moritz Fichtner, Günther Kaip Christina (Kiki) Leicht, Myriam Keil, Torsten N. Siche , Marcus Imbsweiler, Christian Lorenz Müller

Nr. 37 Mai 2008


“t – wie tanz der vampire, Horrorgeschichten” wurde als Literaturpreis 2008 von uns ausgeschrieben. „Wir wollen keine bluttriefenden Monstergeschichten, sondern erwarten literarisch anspruchsvolle Texte, die auf diffizile Weise mögliches Unheimliches in einem Alltag aufdecken oder im Bezug auf ein aktuelles Thema unserer Zeit dem Leser oder der Leserin das Gruseln beibringen.“ – So lautete unsere Ausschreibung. Insgesamt erreichten die Jury, bestehend aus Kurt Wölflingseder und mir, 129 Einsendungen, von denen zwei Texte den Ausschreibungsbedingungen am nächsten kamen. Die Einsendung von Amber Rusalka Reh malt die Schrecklichkeit einer ordinären Familie aus, deren Mitglied die Protagonistin im Laufe der Geschichte wird. Dies geschieht auf eine so subtile Art, dass es einem kalt über den Rücken läuft und man sich an die unheimlichen Geschichten von Roald Dahl erinnert fühlt. Stephan Waldscheidt beschreibt die Rache einer Hündin. Dieser Text ist derart von Spannung getragen, dass man als Leser/in abschnittweise die Zeilen überspringt, um schneller herauszufinden, welchen Ausgang diese gruselige Geschichte nimmt. Wir fanden jedenfalls beide Einsendungen auszeichnungswürdig und haben daher das Preisgeld von Euro 1.500,– auf die beiden Autor/inn/en aufgeteilt. Ich wünsche Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, eine vergnügliche Lektüre der beiden preisgekrönten Texte und der Einsendungen, die in die engere Auswahl gekommen sind und daher in dieser Zeitschrift abgedruckt wurden. Dirk Ofner Oftmals verbirgt sich der Horror dort, wo man ihn zwar vermutet, aber nicht wahrhaben will: in uns selbst. Sobald dann Veränderungen in unser Leben treten, welche nicht geplant oder erwünscht waren und wir die Kontrolle über die Vorgänge um uns und in uns verlieren, kann das zu einem Horrortrip werden, der weit über das hinausgeht, was uns, die wir mutigen Schritts einem Drakulaschloss näherkommen, dort erwarten könnte. Die natürliche Angst um unsere Kinder spielt eine große Rolle, unser Einfluss auf die Unberechenbarkeit des Lebens ist begrenzt. Da sterben Neugeborene einfach, eines nach dem anderen, dort missbraucht und tötet jemand die Tochter und wieder wo anders schreit das ersehnte Kind über Tage und Wochen so unermüdlich, dass die Mutter nur noch Ruhe haben will. Um welchen Preis …? … oder allein sein als Verkäuferin im Keller des Supermarktes, das Gegenüber zwar auch ein Mensch, aber was hat er vor, warum benimmt er sich so eigenartig? Wissen um das mögliche Monsterhafte im Menschen und ganz allein sein mit der Unsicherheit gegenüber der eigenen Urteilskraft. Allein sein mit der Angst, die nur ihr gehört. Das und einiges mehr ist der Stoff aus dem die vier Horrorgeschichten gewoben sind, die wir für Sie – neben den prämierten – ausgewählt haben. Kurt Wölflingseder

 

AutorInnen Nummer 37:


Amber Rusalka Reh, Stephan Waldscheidt, Annette Amrhein, Katharina Bendixen, Daniela Oele, Christina Stein

Nr. 38 November 2008


Diese Ausgabe wurde am Freitag, dem 28. 11. 2008 mit einer Lesung des Autors Torsten N. Siche (Heidelberg) und einem Konzert von Vesna Petkovic und Vanja Kevresan präsentiert. Traurigerweise ist zwei Tage darauf mein Partner Dirk Ofner gestorben, mit dem ich über 21 Jahre lang die Gesellschaft erostepost führte. Es ist somit das letzte Mal, dass Dirk Ofner seine wichtigen Impulse bei der Textauswahl einbringen konnte. Kurt Wölflingseder

 

AutorInnen Nummer 38:

Thomas Frahm, Torsten N. Siche, Wiebke Spannuth-Maginess, Simone Calliebe, Karolin Hingerle, Peter Wenzel, Matthias Spiegel, Andreas (Andrej) Peters, Holger Richter, Birgit Kreipe, Sascha Kokot

Nr. 39 Mai 2009


Erotische Geschichten können so vielseitig sein wie das Leben selbst. Selbst eine sich teilende Blaualge bleibt hiervon nicht ausgeschlossen. Allerdings suchten wir auch Neues und Unerwartetes, denn das macht u.a. das aus, was wir unseren Leserinnen und Lesern weitergeben wollen. Neben einer literarisch einwandfreien Arbeit sollte der Inhalt anregend, witzig, tragisch oder fröhlich und vor allem verblüffend sein. Und dazu noch das gewisse Unaussprechliche in und zwischen den Buchstaben und Worten anwesend werden lassen, das die ganze Dramatik zwischen den Geschlechtern auf subtile oder offensive Art in Erscheinung treten lässt. „Das Stehen im Raum des Möglichen macht den Visio-när aus und auch den Flirtenden. Das Vorhersehbare langweilt ihn, umso mehr fasziniert ihn das Mögliche.“ Shunryu Suzuki Bei 397 Einsendungen im Umfamg von meist je zehn Seiten fragten wir uns immer wieder, weshalb so oft das Erhärten der (meist) weiblichen Brustwarzen schon als Indiz dafür gelten soll, dass man oder frau sich auskennt in der neuen erotischen Terminologie, die aus Versatzstücken von Werken wie „Gut gegen Nordwind“ über „Sex and the City“ bis zu den „Feuchtgebieten“ stammen könnten, und das Unerwartete immer wieder auf sich warten ließ. Doch zuletzt waren sie da, die schielende Zunge beim einzigen Kuss der Irin mit dem jugendlichen Verliebten, die ungewollte Intimität zwischen einem Passanten und einer, die dringend mal muss, die plötzliche Erinnerung einer Demenzkranken an einen „Franz König“ aufgrund eines Duftes und natürlich das „Dings“, das mal da ist und mal nicht und nicht so recht berechenbar und ganz stark an Verliebtheit erinnert. So ist es uns dank der in dieser Ausgabe von erostepost veröffentlichten Autorinnen und Autoren gelungen, eine überaus vielseitige und literarisch interessante Auswahl an erotischen Geschichten zusammenzustellen. Wir wünschen sinnliches Lesevergnügen. Kurt Wölflingseder Jurybegründung zu Hugo Ramneks Beitrag Die Blutbuche Man hat Vater und Mutter verloren, ist erwachsen geworden, weiß mit Abschieden umzugehen. Was aber war vor dieser Zeit? Was wächst einem da aus der Vergangenheit zu, wird plastisch, schmeckt, riecht nach etwas, was man verloren glaubte, greift nach einem, klingt zudem noch nach alten Popsongs, deren Zeilen man schon vergessen hat? Welche Empfindung mündet direkt in das Gegenwärtige? Und welcher Augenblick bleibt schließlich und reißt den Verband von der Seele, damit man auf die süße Wunde starren kann? Die Blutbuche steht noch auf der Liegewiese im Freibad, sonst hat sich vieles verändert, die Blätter auf der Unterseite sind aber noch immer grün, nicht rot. Darunter, davor, weiter weg und ganz nah spielt die Geschichte. Im Mittelpunkt Maureen, ein rothaariges sommersprossiges schielendes lispelndes irisches Mädchen, ein Feriengast, und groß ist die Liebe und heiß das Verlangen nach ihr. Der Ich-Erzähler ist irgendwie dazwischen geraten, hineingeraten, außer sich, und von dieser Position aus betrachtet er sich selbst wie in einem Vexierspiegel, neu und verwundert, um die unerhörte Begebenheit der ersten Liebe am eigenen Leib zu erfahren. Die nimmt ihn ziemlich mit, verschlägt ihm die Sprache, zerschlägt den Pragmatismus der Erwachsenen. Wer Glück hat, hat so eine Liebe erlebt, mitsamt ihren unscharfen Rändern, den verschwimmenden Schichten, in denen sich Eros tummelt, eine Schwanenfeder schwingt und sich eins lacht, ob der ungestümen Sehnsucht, die sich nicht stillen lässt, nicht erfüllt werden will. Dass schließlich ein Anderer Maureen wie beiläufig „erobert“, passt ins Konzept vom Erwachsenwerden, spitzt den Schmerz zu, bringt die Erinnerung auf den Punkt und auf Maureens unwiderstehliches „Geschau“. Kein Schlaf ist zu finden in diesen unruhigen Zeiten, dafür gibt es Sterne, Songs und Lagerfeuer, Haut, Haar und Nippel. Es gibt diesen besonderen Blick auf Details, die anrühren, weil sie komisch, lächerlich und zugleich erhaben sind wie Maureens melodiöser Donegal-Akzent, „der herrliche Klangkurven in die Luft schrieb.“ Und auch dafür, dass eine federleichte Metaphorik den Text von jeglicher Schwerkraft befreit – nicht stringent, in lockeren Rückblenden, rhythmisch, lyrisch, lautmalerisch – und mit lakonischer Poesie uns dorthin zurückführt, wo auch für uns alles begonnen hat, mehr noch, wir sind mitten drin, ob es uns passt oder nicht, dafür gebührt dem Autor der Preis. Margarita Fuchs Jurybegründung zu den beiden weiteren Beiträgen der engsten Auswahl: Nana und Die Haltestelle Zartbittere Erotik, vielleicht auch die Herbeibeschwörung von Erotik als Überlebensmittel einer Beziehung, die in die Jahre gekommen ist – das ist Adelheid Dahimènes virtuoser Text „Nana“; die Wahlwelserin hat ein wunderbares Stück Prosa zum Thema gefertigt mit Erotik zwischen den Zeilen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erinnern und Erahnen, zwischen Worten und Sprachlosigkeit. In der heißen Atmosphäre einer Sommergroßstadt umkreisen Mann und Frau einander, dieses Mal also in Athen, „… in irgendeiner fremden Finsternis, die sich aus Ziegenkäse, Oliven und Ouzo zusammenstückelte“. Wo das einstige Feuer einer Leidenschaft beschworen wird, birgt diese schon eine Ahnung von Ende in sich, von Scheitern: Am Ende eines Urlaubs, als das Liebesspiel längst zu einem Krieg geworden ist, der nur verloren werden kann, muss der Nachgeschmack fahl sein, es war zu befürchten … Schon der letzte Tag des Urlaubs heißt wieder Alltag, zu entschlossen haben sich Mann und Frau bemüht, „Stimmungen hervorzurufen, denen wir uns ergeben und ausliefern konnten“. Was aber neben der Traurigkeit, die einen auch befallen kann beim Lesen von „Nana“, bleibt, sind die Bilder, die die Schriftstellerin gemalt hat: von Küssen am Morgen, die nach Briefmarken schmecken, von Sehnsüchten, die lauter und leiser gedreht werden, und von ehrenhaften Kellnern, die ihr Bestes gegeben haben … Auch in Thomas Frahms Geschichte „Haltestelle“ ist es heiß, in einer namenlosen Stadt irgendwo an einem „Rockzipfel Europas“, „… sogar der Luft wurde es eng in ihrem hellblauen Kleid …“. Und aus dem Nordosten dieses Landes, aus irgendeinem Hinterland, kommt eines Abends plötzlich Zeza, eine Urgewalt, – „… ihre ganze üppige Erscheinung schien geknetet zu sein aus dem gaumig-vollmundigen Akzent, mit dem dort gesprochen wurde“ – über einen Helden namens Kostedde, der ja gar keiner sein will und auch keiner ist. Alles in dieser Geschichte ist freilich so erdig und prall und voller Leben, dass einem heiß werden kann beim Lesen und die Zunge trocken, bis schließlich … nichts geschieht. Erotik ist, wenn alles möglich ist und nichts passiert, oder, um mit Rainer Maria Rilke zu sprechen: „Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschaun, das, das es mich, mich rufend, gehen ließ, zurückblieb, so, als wären´s alle Fraun.” Was hier bleibt, ist das Vorüberschlendern eines schwülen Sommerabends, ein Geruch vielleicht, ein Wimpernschlag, das „Kratzen ihrer Stimme wie Tüll an seiner Wange“. „Nana“ und „Haltestelle“ sind neben dem prämierten Text bis zuletzt in der engsten Auswahl für den Preis gestanden. Was am Ende entschieden hat, war die Summe von einigen subjektiven Wimpernschlägen – nicht gegen die Texte von Adelheid Dahimène und Thomas Frahm, sondern für jenen von Hugo Ramnek. Peter Baier-Kreiner Bilder dieser Ausgabe: Michael Ferner (Salzburg)

AutorInnen Nummer 39:

Hugo Ramnek, Thomas Frahm, Adelheid Dahimène, Sabine M. Gruber, Eva Lugbauer, Holger Böwing, Johanna Hansen, Barbara Kendöl

Nr. 40 November 2009


Liebe Leserinnen und Leser! 40 Hefte der erostepost liegen nun vor – das ist, verglichen mit anderen großen Zahlen, auf den ersten Blick nicht gerade eine astronomische Summe, in Relation zur durchschnittlichen Lebensdauer von Literaturzeitschriften durchaus eine Anzahl, auf die man stolz sein darf. Als Dirk Ofner im August vor 22 Jahren die erste Ausgabe, damals noch unter dem Namen „Erost Epost“, kopiert hatte und wir auf den Straßen und in den Szenelokalen Salzburgs ausschwärmten, um das neue Kulturmedium unter die Leute zu bringen, war etwas geboren, das auch heute, ein Jahr nach Dirk Ofners Tod, noch lebendig ist. Die in den ersten Heften vertretenen Autorinnen und Autoren waren alle aus Salzburg und hatten sich zuvor bei den legendären Salzburger Literaturstammtischen zusammengefunden. Für die Nummer 4, die Sondernummer zum ersten erostepost-Literaturpreis, sandten dann bereits Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus ganz Österreich ihre Beiträge ein, wobei der bekannteste wohl Josef Haslinger ist. Einzelne Literat/inn/en aus Rumänien, Deutschland und der Schweiz waren in der Folge hin und wieder vertreten, Ende der neunziger Jahre nahmen dann die Einsendungen aus Deutschland deutlich zu, und wir veröffentlichten Namen wie Torsten N. Siche, Daniel Klaus, Jochen Weeber, Constantin Göttfert oder Thomas Frahm. Dass diese Autoren auch in der vorliegenden 40. Ausgabe vertreten sind, freut mich sehr, auch, dass sich immer neue Schreibende weltweit finden, die uns ihre Texte anvertrauen, vor allem aber, dass sich wieder mehr österreichische unter ihnen finden. Die Bilder in der vorliegenden Ausgabe stammen von Helga Eiterer, die ich als Malerin und Sonderschullehrerin kennen und schätzen lernte und die 2007 gestorben ist. Ihr und Dirk Ofner widmen wir die erostepost Nummer 40. Ihnen und Euch wünsche ich eine spannende Auseinandersetzung mit alten und neuen Bekannten, durchgehend aber neuen Texten. Kurt Wölflingseder Auffällig und erfreulich an den Einreichungen für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift war, dass uns zunehmend mehr Menschen Lyrik schickten – wir tragen dem Rechnung, indem wir mit Anja Carstensen, Armin Steigenberger, Margit Huber, Rita Dahl und Martin Dragosits Lyrik von fünf Autor/inn/en veröffentlichen. Experimentelles von September und Gengoul, Beiträge aus Österreich von Annett Krendlesberger und Renate Silberer, aus Deutschland von Jörn Birkholz und aus Bulgarien von Vladimir Zarev vervollständigen die Auswahl an Texten für die runde Nummer 40. Renate Silberer ist als Siegerin aus dem jüngsten „Lesen lassen“ hervorgegangen und wird auf Einladung von erostepost 2010 im Literaturhaus eine Lesung bestreiten, Vladimir Zarev, den nicht nur Dimitre Dinev als einen der wichtigsten Autoren Bulgariens betrachtet, ist zusammen mit ebendiesem im Jänner des kommenden Jahres im Literaturhaus zu Gast. Die Bilder Helga Eiterers, vor allem jene, die nach einer schweren Krankheit ab etwa Mitte der neunziger Jahre entstanden sind, losgelöst von Schrift zu betrachten und zu lesen, ist praktisch unmöglich – schwer oder nicht lesbar, noch schwerer zu interpretieren, tragen faszinierende Lettern und Linien ein Gesamtkunstwerk aus Formen und Farben, die zum Markenzeichen ihrer Arbeiten geworden sind. Selten haben mich Bilder als Manifest gegen die Beliebigkeit, als Einmahnung auch der eigenen Zerbrechlichkeit mehr berührt als diese „Lebenslinien“, „Überlebenslinien“ der Helga Eiterer: „Nachdenken über das Leben, über seine Bedrohung, über seine Bedeutung, neue Einsichten, verändertes Bewusstsein“, heißt es in einer Abhandlung, in der Helga Eiterer sich und ihr künstlerisches Schaffen beschreibt. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Othmar Eiterer, der uns die Bilder seiner Frau aus dem Nachlass prompt zur Verfügung gestellt hat. Es ist ein guter Zeitpunkt, um mit ihnen an eine warmherzige Malerin und an den Menschen Dirk Ofner zu erinnern. Peter Baier-Kreiner Bilder dieser Ausgabe: Helga Eiterer


AutorInnen Nummer 40:

Constantin Göttfert, Jörn Birkholz, Vladimir Zarev, Thomas Frahm, Annett Krendlesberger, Anja Carstensen, Armin Steigenberger, Margit Huber, Rita Dahl, Gengoul, Torsten N. Siche, Martin Dragosits, Jochen Weeber, Renate Silberer, september, Daniel Klaus;

Nr. 41 Juli 2010


Lieber junge Leser, liebe junge Leserin! Viele erwachsene Autorinnen und Autoren haben sich bis Silvester vergangenen Jahres Gedanken darüber gemacht, wie eine wirklich gute Geschichte oder ein wirklich gutes Gedicht für Kinder auszusehen hat. Knapp 500 dieser Beiträge aus fast allen Teilen der Welt sind bei der Literaturzeitschrift „erostepost“ eingelangt, und dann waren wir, die Jurorin und die beiden Juroren, die bestimmen mussten, welche Geschichten oder Gedichte einen Preis bekommen sollten, an der Reihe, uns Gedanken zu machen, aber auch hineinzuspüren in die Abenteuer, Gefühle, in witzige Situationen und Gemeinheiten, die darin versteckt waren. Und ihr könnt uns glauben, das war gar nicht leicht. Meinte einer oder eine von uns, etwas wirklich Gutes gefunden zu haben, so gab jemand anderer zu bedenken, dass Kinder das vielleicht nicht verstehen würden oder es ihnen zu kompliziert wäre. Mussten wir herzlich über eine Situation in einem Text lachen, stellte sich die Frage, ob ihr Kinder das auch lustig finden würdet. Deshalb baten wir immer wieder Kinder, die zwischen acht und zwölf Jahren alt sind, uns ihre Meinung dazu zu verraten. Das hat uns sehr geholfen, schließlich drei Preistexte zu bestimmen. Aber wir sagen euch gleich: Pommes mit Ketchup sind die Geschichten nicht, die wir euch vorsetzen! Die Herausforderung, dass ihr euch auf gute Literatur einlassen sollt, wollen wir euch nicht ersparen, aber wir hoffen, dass ihr euch – nachdem ihr gut gekaut habt – die Lippen ablecken werdet und sagt: Das hat gut geschmeckt und macht Lust und Mut für die nächste Leseherausforderung. Viel Spaß! Liebe ältere Leserin, lieber älterer Leser! Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen und Vorlesen der Beiträge dieser Ausgabe von „erostepost“. Wir haben bewusst auf Angaben über die Eignung der einzelnen Beiträge für bestimmte Altersstufen verzichtet und bitten Sie, den Ihnen anvertrauten Kindern ihren Niveaus entsprechend bei der Auswahl zu helfen. Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen und Ihren Kindern Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 41:

Gudrun Güth, Franziska Gerstenberg, Stefanie Schäfer, Christine Heinlein, Peter Friedrich, Birgit Specker, Dagmar Scherf, Christa Zeuch, Almut Tina Schmidt, Ina Kaifi, Britta Sabbag, Wolfram Lotz, Henrike Winkler, Eva Scala;

Nr. 42 Juni 2011


Margarita Fuchs zu Stephan Voß: „Endstation” Erster Preis des erostepost-Literaturpreises „Odysseus” – Geschichten vom Reisen Man nimmt schon einiges in Kauf, um das Wissen über einen selbst zu vergrößern, tatsächlich merkt man das Dilemma aber erst, wenn man angekommen ist. Wo? Eben dort, im richtigen Leben. So gibt es Reisen, die treffen ins Schwarze, ohne dass man es weiß, und es gibt ein Ziel, welches die Richtung anzeigt. Eine verlorene Wette führt Salzmann, den Ich-Erzähler, der für einen Reiseführerverlag arbeitet, nach Rumänien, in die Walachei. „Es war ein schäbiger, kleiner Bahnhof, wo ich mich nicht länger als nötig aufhalten wollte. Abblätternder, schmutzig weißer Putz, es stank in allen Ecken nach Urin und Kot /…/ und Ziegen, die ihr Geschäft da verrichteten, wo sie standen …“ Im Schatten einer Linde wartet er auf den Reiseleiter, um ihn herum nichts als Staub, Flachland, Sonnenblumenfelder. Niemand sonst ist auf dieser Welt zu sehen. Ermattet von der Sommerhitze scheint er eingeschlafen zu sein, bis er von Rafael Costea wachgerüttelt wird und der Irr-Sinn seinen Lauf nimmt: Salzmanns Bleibe ist in Salzmanns Augen nichts anderes als der Bahnhof, den man auf geradezu lächerliche Weise in ein „Hotel Savoy“ umfunktioniert hat. Der Bahnhof ist also weg, und Costea verschwindet in seiner Rolle als Reiseleiter, stattdessen taucht er als Portier verkleidet wieder auf, später als Kellner – und ja, er ist auch der Vater von Alina, der Hotelmanagerin, die wiederum der Köchin Larissa aufs Haar gleicht. Doch die seltsame Crew weist Salzmanns Vorwürfe entschieden zurück, wiewohl dieser weiterhin überzeugt ist, der einzige Gast im Niemandsland zu sein, umgeben von zwei Menschen, die vorgeben, andere zu sein … Solche Alpträume kennt man doch und auch die verstörende Einsicht, seiner eigenen Wahrnehmung mehr und mehr zu misstrauen. Wen oder was gilt es schließlich zu enttarnen? Sich selbst, generell die anderen oder die Realität des Dorfes Incertsat, das nur aus einem Haus zu bestehen scheint? Und wie allem auf die Schliche kommen, wenn nichts stimmt, was den Gesetzen der Logik und der Zumutbarkeit folgt? Dabei ist der Autor bemüht, alles Mögliche geradezurücken, um zugängliche Arsenale für Salzmann zu erschaffen. Das Gogolhaus wird besucht, ebenso die Häuser von Rebreanu und Enescu, die alle einst in Incertsat „Zwischenstation“ gemacht haben … Doch Salzmann ahnt längst, dass er Gefangener des ewig Gleichen ist, wie auch die Häuser der beiden Literaten und des Komponisten prompt ans „Hotel Savoy“ gemahnen. Ein „Fitzelchen Papier“, das Salzmann in „Rebreanu casa“ – wie einst Hänsel die Kieselsteine im Wald – fallen lässt, taucht trotz allem in „Enescu casa“ nicht mehr auf. Salzmann bricht zusammen. Was rettet ihn? Die unerklärliche Müdigkeit während der Fahrten, die ihn immer wieder in den Schlaf fallen lässt und die daraus ein Spiel mit ihm macht? Alina, die ihn wachküsst und mit Hühnersuppe mit Griesknödeln, Polenta, Wein und gefülltem Gemüse aufpäppelt? Ein Salzmann, der sein altes Leben über Bord wirft und fortan Sonnenblumen und Melonen erntet? Ist das denn erlaubt, geht das überhaupt in Ordnung: den kleinsten gemeinsamen Nenner finden, errechnet aus Schlafen, Essen, Schauen und komischen Momenten? Schon längst ist nicht mehr klar, wo die Wirklichkeit beginnt oder endet. Und plötzlich wollen wir, dass es um viel geht. Salzmann und Alina sollen es gut miteinander haben. Auch davon erzählt diese komplexe Geschichte, die mit bestechender Einfachheit bewegt und unserer Fiktion einen tieferen Sinn verleiht. Peter Baier-Kreiner zu Birgit Brüster: „Grüngrauer Fluss, rosaroter Himmel, schwarzweiße Haut” Zweiter Preis des erostepost-Literaturpreises „Odysseus” – Geschichten vom Reisen „Aufzuwachen und ein Haus zu haben – dieses Irgendwie und Wie! …“, so heißt es in einem von Thomas Bernhards Gedichten. Viele der zum erostepost-Literaturpreis 2011 eingesandten Beiträge befassten sich in und zwischen den Zeilen mit ebendiesem unaufhörlichen, manchmal lebenslangen, zuweilen vergeblichen Unterwegssein zu einem Platz in der Welt, im streng geographischen wie im übertragenen Sinn. An den man hin gehört für kürzer oder länger, zu dem Wege hinführen oder Auswege, der Fluchtpunkt sein kann oder Heimat. Birgit Brüsters Text beginnt mit dieser Illusion von Heimat – „Wo war das Glück, wenn nicht hier …?“, fragt sich ihr Protagonist, das klingt nach Sesshaftigkeit, nach Endgültigkeit. Nur dass es die Autorin ihm und den Leser/inne/n in der Folge alles andere als leicht macht: Zu viel ist da die Rede von Spiel und Träumen, von Maskerade und Vorgaukeln. Von Geschichten, Geschichten aus der Vergangenheit, von der man nicht weiß, ob man sie glauben darf, von einer Zukunft, von der man nicht weiß, ob sie kommen wird. Von Erfindung. Von Literatur als Erfindung. Brüster betreibt ein perfektes Vexierspiel mit uns, die Regeln dafür stellt sie auf, sie ist es, die die Grenzen zwischen Fiktion und einer Realität zieht, die sie uns als Wahrheit verkaufen will: „Immer denkst du, etwas sei wahr …“. Oder, um es mit ihren Worten zu sagen: Zu nah sollen uns ihre Figuren nicht kommen, sie genießt es, sie fortzuschieben … Sie zieht ihnen die Kleidung an, die ihr gefällt, lässt sie Sätze sprechen, die nie aus deren Mund gekommen wären – weiß sie doch: Sie ist die Herrscherin über sie, und wenn sie sie zu aufdringlich verfolgen, schüttelt sie sie ab, lässt sie sie sterben, verschwinden oder für lange Zeit verreisen. Sie ist die Erfinderin eines Todes, eines Verschwindens, einer Reise. Das macht ihren Beitrag – „erfunden, erschrieben, gedruckt, gelesen, / …/ vollends berechenbar“ preiswürdig. „Eine eigene Landschaft gründen …“, um es mit Thomas Bernhard abzuschließen, das kann auch bedeuten: eine eigene literarische Landschaft gründen. Birgit Brüster ist dieses Vorhaben gelungen, ihr Stück Literatur ist unberechenbar. ———- Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, Ihnen eine hochkarätige Auswahl von neun Beiträgen zum Reisen vorstellen zu können. 859 Einsendungen aus allen Teilen der Welt führten uns kreuz uns quer durch ebendiese und ferner hinaus ins Universum sowie in die Abgründe der menschlichen Psyche. Tatsächlich war es wieder eine Herausforderung, einen Siegertext zu ermitteln. Letztlich entschied sich unsere Jury wegen des besonderen Mutes und der bestechenden Umsetzung des Auszudrückenden aber ganz klar für die beiden ausgezeichneten Reisen. Auch die weiteren zum Mitreisen sowie zum Mitleiden und Mitfreuen einladenden Prosatexte in dieser Ausgabe von erostepost wurden einstimmig ermittelt. Im Artikel 13 der Menschenrechte ist festgehalten: Jeder und jede hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren. Wir hoffen, dass Sie sich mit unserer Auswahl auf Reisen begeben und bereichert zu sich zurückkehren. Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 42:

Stephan Voß, Birgit Brüster, Horst Berger, Ursula Wiegele, Verena Blecher, Ulrike Anna Bleier, Isabel Morgenstern, Jens Dittmar , Peter Troberg

Nr. 43 Jänner 2011


Klimawandel, natürlich. Beängstigend. In seinen Ausmaßen noch nicht einmal abschätzbar. Erderwärmung, Abschmelzen der Polkappen, Anstieg des Meeresspiegels. Natürlich Klimawandel, natürlich beängstigend. Und dann die Börsenkrise, die längst keine Börsenkrise mehr ist, sondern eine der Wirtschaft, und zwar weltweit. Turbulenzen, Kurschaos, Hiobsbotschaften, Horrorprognosen. Auch beängstigend irgendwie, vor allem aufgrund der Hysterie, die darum gemacht wird. Und dann natürlich der Fußball, der gespielt wird, da besser zwar, dort aber weniger gut. Hierzulande eher weniger gut, geradezu beängstigend schlecht. Aber auch ganz allgemein aufgrund von astronomischen, unmoralischen Transfersummen sowie Bestechung und Intransparenz bei der Vergabe von Weltmeisterschaften eher Besorgnis erregend. Beängstigend eben. Vor allem aber: PISA. Natürlich PISA. Natürlich aus heimischer Sicht nichts als beängstigend: Österreichische Kinder lesen nicht mehr, weil sie es nicht mehr können. Ich schreibe das auf der ersten Seite einer Literaturzeitschrift, in der in erster Linie Autorinnen und Autoren aus dem benachbarten Deutschland vertreten sind, zumindest in stärkerem Ausmaß als jene aus der Alpenrepublik. Die an mittlerweile mehr Abonnent/inn/en in Deutschland verschickt wird als an solche aus der kleinen Alpenrepublik. Ins PISA-Musterland quasi (ins Fußball-Musterland sowieso …). Na gut, hat ja auch mehr Einwohner, Deutschland, folglich auch mehr Menschen, die gut lesen können (mehr Männer, aber auch Frauen, die richtig gut Fußball spielen können, sowieso …). Soll ich Ihnen etwas sagen? Ich finde PISA großartig, vor allem das Ergebnis der letzten Studie. Sie rechtfertigt alles und in Zukunft noch mehr – mehr Deutschstunden, mehr neue Lesekonzepte, mehr Schreibwerkstätten, mehr Bibliotheksneubauten, mehr Schulreformen – und die Existenz einer Literaturzeitschrift sowieso. Ich wünsche mir jedes Jahr eine neue PISA-Studie, mit immer niederschmetternderen Ergebnissen. Dann haben wir alle Rechte der Welt, die Kinder früher und noch früher abzuholen zum Lesen, quasi aus der Wiege ins Buch zu zerren, bevor sie noch wissen, was ein Fußballplatz überhaupt ist. Und zum Schreiben natürlich auch. Zuerst muss etwas geschrieben worden sein, bevor es gelesen werden kann. Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Heftes läuft die Frist ab, innerhalb derer schreibende Menschen einen Beitrag zum nächsten erostepost-Literaturpreis unter dem Motto „Odysseus – Geschichten vom Reisen“ einreichen können. Die Flut der eintreffenden Beiträge ist überwältigend, ein Ende im Moment noch gar nicht absehbar. Beängstigend geradezu. Soll heißen: Menschen schreiben wieder. Viele Menschen schreiben wieder. Mehr und mehr schreiben sie. Soll ich Ihnen daher noch etwas sagen? Ich pfeife aufs Lesen. Schreiben müssen die Leute können. Und dann sollen sie uns ihre Beiträge schicken, literarisch, kreativ, innovativ. Mit Texten zum Klimawandel von mir aus, zur Börsenkrise, zu PISA – wir freuen uns darüber. Und zum Fußball. Wir werden sie weiterhin sichten, diskutieren darüber, sie auswählen und drucken. In Zeiten wie diesen Ehrensache. In Ländern wie diesem sowieso. Peter Baier-Kreiner

AutorInnen Nummer 43:

Jörn Birkholz, Mario Tomasegovic, Ulrike Schäfer, Torsten N. Siche, Johannes Witek, Vincent E. Noel, Nina Neugebauer, Peter Wenzel, Armin Kurosh Marschall, Moritz Grohs, Philipp Schwarz, Marc Hieronimus, Willi van Hengel, Angelica Seithe

Nr. 44 Juni 2012


Leider keine Daten vorhanden!

AutorInnen Nummer 44:


Leider keine Daten vorhanden!

Nr. 45 September 2012


Liebe Leserin und lieber Leser! Können Sie sich noch an das Jahr 1987 erinnern? Vielleicht sind Sie da ja erst geboren, wie etwa Sebastian Vettel, der es bis zum Weltmeister gebracht hat, oder Sie waren noch gar nicht auf der Welt? Vielleicht wohnten Sie in der DDR oder in der Sowjetunion, aus der Joseph Brodsky stammte, der in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhielt, und verfolgten gespannt die Pläne Michail Gorbatschows, der die beabsichtigte Perestroika ankündigte? Oder sie lebten in Salzburg und bekamen mit, wie die SPÖ die absolute Mehrheit im Gemeinde- rat erreichte, wie zahlreiche neue Kulturinitiativen entstanden; und mit etwas Glück wurde Ihnen im Sommer dieses Jahres die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift erostepost angeboten, auf der Straße, in einem Café oder im Kulturgelände Nonntal, das endlich seinen lange geplanten Betrieb aufnehmen konnte. Damals kostete das Heft 30 Schilling, Seite für Seite hatte Dirk Ofner eigenhändig auf einer alten Schreibmaschine (man brauchte dafür ein eigenes Fingertrainingsprogramm im Vorfeld– vor allem, um die Buchstaben leserlich auf Papier zu bringen) und fehlerfrei die Texte der jungen Autorinnen und Autoren unseres Literaturstammtisches“ eingetippt, das Ganze auf einem Tischkopierer kopiert, der die Lesbarkeit auch nicht unbedingt verbesserte, und einen Hand- hefter für unserer Format hatte wir auch aufgetrieben. Die Auflage von 200 Stück war schnell verkauft, und der Tatendrang wurde größer. Vier Jahre später hatten wir den ersten Computer (Festplatte: 40 Megabyte), Handys gab es damals nicht, die Wiener Autoren, die ein Mitarbeiter (mit etwas Verspätung) vom Salzburger Hauptbahnhof abholen sollte, waren nicht anzutreffen, das Open-Air-Event in Hellbrunn hatte wochenlange Vorbereitungen benötigt – zumindest an die 50 Zuhörerinnen wollten schließlich Literatur genießen … Es ist gut ausgegangen, wir haben überlebt, finanziell, politisch und menschlich. Freilich sind einige gestorben seither, ich erwähne hier nur Dirk Ofner, Gründungsmitglied und Gesellschafter von erostepost in der Zeit zwischen 1987 und 2008, er war auch als Autor immer kompromisslos bei Ungereimtheiten eingeschritten. Vom ihm können Sie in dieser Ausgabe erstmals Auszüge aus seinem nicht ganz fertig überarbeiteten Roman „Rattenrennen“ lesen. Und einige alte Bekannte, die uns schon vor Jahren brauchbare Beiträge zukommen ließen, kommen wieder zu Wort. Viele von Ihnen haben inzwischen Buchpublikationen vorzuweisen, was uns freut, auch weil wir damit einem unserer Aufträge entsprochen haben, deutschschrei- bende „junge“, noch weitgehend unbekannte Autoren und Autorinnen aus allen Nationen durch Veröffentlichung in der Zeitschrift und durch Einladung zu Lesungen zu fördern. Ich wünsche Freude beim Lesen und bei der Auseinandersetzung mit den Inhalten; und ich danke Ihnen und Euch dafür, denn das ist der Beitrag, der die Idee erostepost am Leben hält. Kurt Wölflingseder PS: Sie wollen wissen, wie das seinerzeit ausgegangen ist? Ein zufällig anwesender Mann gab sich am Salzburger Hauptbahnhof als Mitarbeiter von erostepost aus und nahm die drei Autoren mit auf eine nicht ganz geradlinige Reise mit den öffentlichen Bussen; er brachte sie letzt- endlich bis ins Steintheater, wo wir ihn verwundert, aber auch erleichtert zur Rede stellten. Dieser verweigerte jedoch die Aussage und nahm am Autorentisch Platz. Die drei Wiener Gerhard Jaschke, Werner Herbst und Gerhard Ruiss boten eine ausgezeichnete Literaturperformance.

AutorInnen Nummer 45:

Gabriele Kögl, Lucia Leidenfrost, Roman Marchel, Dirk Ofner, Fritz Huber, Margarita Fuchs, Jörn Birkholz, Carsten Brinzing, Ewart Reder, Isabella Johanna Antweiler, Ulrike Schäfer

Nr. 46 Juli 2013


Eine herausragende Diagnose unserer Gesellschaft erstellt Ulrike Schäfer in ihrem Siegertext „Pralinenmann“: Der Ich-Erzähler, neununddreißig, seit zwölf Jahren mit einer halben Uni-Stelle, führt in seinen „vier Wänden“ ein Studentenleben. Den Anstrich einer geregelten Arbeit vermittelt ihm sein „Caféschreiben“, wie er es nennt, immer mittwochs und sonntags. Er weiß, was auf ihn zukommt, denn er erzählt aus der Erinnerung. Charly, „ein breiter, rundschädeliger, meinen Geist besetzender Brocken Mensch“, nimmt ihm gegenüber Platz. Das ist einer, der sich nicht abschütteln lässt, ein muffelnder Kordhosenträger, dick, mit rundem Gesicht und jenem „Charly-Lächeln … – offen und blank. Entwaffnend und verwundbar zugleich“. Einer, der den Ich-Erzähler nach und nach mit den Unverbindlichkeiten seines Lebens konfrontiert, selbstvergessen und auf unorthodoxe Weise kurios: „Wir würden über Berlusconi reden, über Schickedanz oder Suhrkamp. Charly mochte Neuigkeiten mit Klang.“ Was lässt einen immer wieder die gleichen Fehler machen, die eigene Bedürftigkeit nach Zuhören, Freundschaft und Annahme leugnen? Wie sonst ist zu verstehen, dass der Ich-Erzähler erst mit neununddreißig das Wort „Freund“ in den Mund nimmt und es mit Charly verbindet, „eine diskrete Klette. Ein raffinierter Verrückter“. Die Sehnsucht nach echten lebensnahen Figuren wächst in Schäfers Universum, samt seiner „angeschrägten“ Welt, die in „dezente Schieflage“ geraten ist. Noch genügen sie einander zwanglos, proben Schlagzeilenkommunikation und wohlklingenden Nonsens. Man hält heftig an einer Gegenwart fest, die nichts anderes bedeuten kann als Ewigkeit, die Zukunft will sich noch nicht so recht zeigen, denn wer eine Zukunft schafft, der beansprucht eine gewisse Interpretationsgabe, was die Gegenwart betrifft. Noch rettet Charly – für beide – diese Gegenwart: „Er war das letzte Bollwerk“, und er verteidigt mit Unmengen von Pralinen und Zuckerstückchen die Absehbarkeit dieser Tage, bis er schließlich umkippt und in der Notaufnahme landet. „Merkwürdig, dass es den Flur einer Notaufnahme und das Auslaufen einer halben Uni-Stelle brauchte, um mich darauf zu stoßen, dass das Leben endlich ist, aber so war es wohl.“ Der Ich-Erzähler will nicht wissen, ob Charlys Blutzucker verrückt gespielt hat oder Ähnliches … Er ist in seltsamer Ambivalenz gefangen, schreibt Bewerbungen, ist in Gesprächen versucht, „Charly-Verrücktheiten in die Welt zu streuen, um sie für mich bewohnbar zu halten“. Erst Wochen später taucht Charly wieder auf, ein ungebetener Gast, den man gleich wieder loswerden möchte. Und wieder beginnt er mit exzessivem Pralinenessen, doch der Ich-Erzähler duldet keinen Aufschub mehr … Letztendlich geht es in Ulrike Schäfers Text, einem dichten Bedeutungsgewebe, ums Überleben, darum, der Realität eins auszuwischen, an Dingen, Umständen und Menschen festzuhalten, wissend – trotz Schäfers versöhnlichem Schluss, ihren rettenden Worten – dass wir alles verlieren werden. Versöhnlichkeit und Rettung, wenigstens Aussicht auf das Rettende – das sind auch wesentliche Elemente in den anderen Beiträgen, die sich in dieser Literaturpreis-Sondernummer finden; sie erzählen von all den Verrückten, liebenswert Verrückten oder einfach Durchgeknallten in dieser verrückten und durchgeknallten Welt, von den Außenseitern, von denen am Rand einer Gesellschaft; die um ihren Platz kämpfen in dieser Gesellschaft, inmitten von Gefahren hoffen sie darauf, dass das Rettende in ihnen selbst wachse, vielleicht auch noch in den Menschen aus der unmittelbaren Umgebung – die Hoffnung, dass in der Gesellschaft das Rettende wüchse, dass die Welt zur Vernunft käme, ist äußerst brüchig, nicht einmal flüchtig. Das Glück ist kurz, wie bei Ibu-Janis in der Geschichte von Synke Köhler, momenthaft, reicht gerade einmal zum Flanieren, wie bei Imke Müller Hellmann, ist eigentlich irrational, wie bei Susanne Neuffer, die den Konsumwahn einer sich unaufhörlich selbst überbietenden Welt wohl trefflicher analysiert als die verrückte Welt der Experten und Analysten. Und: Was scheren einen die großen Tragödien der Welt, wenn sich im Kleinen Tragödien rund um den Leberkäse abspielen? Beim örtlichen Fleischhauer finden sie statt, andere in den Gotteshäusern der Stadt, wo alles andere als Gott gesucht wird, oder auf einem Lechberg, wie er überall stehen kann. Wo aber das Rettende suchen? In der Literatur, wie auf jenem Lechberg etwa – wo den einen die Literatur überleben lassen hat, in immer kleineren Dosen freilich, wo sie zugleich den anderen gerade noch einmal am Sterben hindert? Ja, vielleicht doch in der Literatur. Zwischen den Zeilen. Und im Humor, im Lachen. Was viele der abgedruckten Texte eint, ist der feinsinnige Humor im Umgang mit den großen Tragödien der Welt, durchaus österreichisch manchmal, den eigenen Unter-gang besingend im Ton des lieben Augustin. Wo also Literatur ist, wächst das Rettende auch; vielleicht ist das die gemeinsame Botschaft der vorliegenden Auswahl an Rettungszeilen, Rettungsgeschichten, Rettungstexten. Wir bedanken uns bei den vielen Einsendungen zum Preis aus Österreich und Deutschland und wünschen Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, viel Vergnü-gen beim Auswerfen von Rettungsankern, beim Besteigen von Rettungsbooten, beim Bilden von Rettungsgassen. Lassen Sie sich nicht verrückt machen! Bleiben Sie verrückt! Margarita Fuchs, Kurt Wölflingseder, Peter Baier-Kreiner

AutorInnen Nummer 46:

Ewald Baringer, Harald Darer, Angela Flam, Mario Hladicz, Synke Köhler, Imke Müller-Hellmann, Susanne Neuffer, Ulrike Schäfer (Preisträgerin), Regina Schleheck, Susanne Schramm, Constantin Schwab Illustration: Annelies Senfter

Nr. 47 Jänner 2014


„Es trifft zu und ist leicht gesagt, Sprache sei Material, und es materialisiere sich, wenn man schreibt, etwas. Wie aber könnte man erklären, dass da – was gelegentlich festgestellt wird – etwas wie Leben entsteht, Personen, Schicksale, Handlungen, dass da Verkörperung stattfindet auf etwas so Totenblassem wie Papier, wo sich die Vorstellungskraft des Autors mit der des Lesers auf eine bisher unerklärte Weise verbindet, ein Gesamtvorgang, der nicht rekonstruierbar ist, wo selbst die klügste, sensibelste Interpretation immer nur ein mehr oder weniger gelungener Annäherungsversuch bleibt, und wie wäre es erst möglich, jeweils den Übergang vom Bewussten ins Unbewusste – beim Schreibenden und beim Lesenden – mit der notwendigen totalen Exaktheit zu beschreiben, zu registrieren, und das dann auch noch in seiner nationalen, kontinentalen, internationalen, religiösen oder weltanschaulichen Verschiedenheit, und dazu noch das ständig wechselnde Mischungsverhältnis von beiden, bei beiden, dem Schreibenden und dem Lesenden, und die plötzliche Umkehrung, wo das eine zum anderen wird und in diesem plötzlichen Wechsel das eine vom anderen nichtmehr zu unterscheiden ist? Es wird immer ein Rest bleiben, mag man ihn Unerklärlichkeit nennen, Geheimnis meinetwegen, es bleibt und wird bleiben ein – wenn auch winziger – Bezirk, in den die Vernunft unserer Provenienz nicht eindringt, weil sie auf die bisher nicht geklärte Vernunft der Poesie und der Vorstellungskunst stösst, deren Körperlichkeit so unfassbar bleibt wie der Körper einer Frau, eines Mannes oder auch nur eines Tieres. Schreiben ist – für mich jedenfalls – Bewegung nach vorn, Eroberung eines Körpers, den ich noch gar nicht kenne, von etwas weg zu etwas hin, das ich noch nicht kenne; ich weiß nie, wie´s ausgeht – ausgehen hier nicht als Handlungsausgang im Sinne der klassischen Dramaturgie, ausgehen hier im Sinne eines komplizierten und komplexen Experiments, das mit gegebenem, erfundenem, spirituellem, intellektuellem und sinnlich auf einander gebrachtem Material Körperlichkeit – und das auf Papier! – anstrebt. Insofern kann es gar keine gelungene Literatur geben, könnte es auch keine gelungene Musik und Malerei geben, weil keiner den Körper, den er anstrebt, schon gesehen haben kann, und insofern ist alles, was man mit einem oberflächlichen Wort modern, was man besser lebende Kunst nennen sollte, Experiment und Entdeckung – und vorübergehend, nur in seiner historischen Relativität schätzbar und messbar, und es erscheint mir nebensächlich, von Ewigkeitswerten zu sprechen, sie zu suchen. Wo kommen wir ohne diesen Zwischenraum aus, diesen Rest, den wir Ironie, den wir Poesie, den wir Gott, Fiktion oder Widerstand nennen können? /…/ Politiker, Ideologen, Theologen und Philosophen versuchen immer und immer wieder, restlose Lösungen zu bieten, fix und fertig geklärte Probleme. Das ist ihre Pflicht – und es ist unsere, der Schriftsteller, – die wir wissen, dass wir nichts rest- und widerstandslos klären können – in die Zwischenräume einzudringen. Es gibt zu viele unerklärte und unerklärliche Reste, ganze Provinzen des Abfalls.” Sagte und schrieb Heinrich Böll in seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur unter dem Titel „Versuch über die Vernunft der Poesie“*. Er versucht darin eine Bestandsaufnahme der Literatur, nicht zuletzt seiner Literatur. 40 Jahre ist das jetzt her, und es ist erstaunlich aktuell, zeitlos in einer Zeit, die keine Zeit mehr hat, für sich selbst nicht, für nichts. Bestandsaufnahme einer Zeit, einer Welt – das ist in so unterschiedlichen und dabei so – zufällig? – seltsam einmütigen Texten diese neue Ausgabe der erostepost mit den Bildern von Günther Nussbaumer. Wir wünschen Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, Zeit fürs Lesen, fürs Betrachten, für Geheimnisse, für eine Bestandsaufnahme. Wo nämlich – und wie? – kommen wir ohne Poesie aus in einer Welt, deren Bestandsaufnahme vermutlich schon einmal weniger dramatisch ausgefallen ist, die wohl schon einmal erklärbarer war? Peter Baier-Kreiner & Kurt Wölflingseder *http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1972/boll-lecture-ge.html

AutorInnen Nummer 47:

Harald Darer, Roman Marchel, Mario Hladicz, Ewart Reder, Petra Piuk, Martina Klein, Johannes Witek, Erna Holleis, Peter Schwendele, Simon Konttas

Nr. 48 Juli 2014


Franz Miklautz: Alles in diesen niedlichen Wägelchen Scarlett Mangelberger: Vom Chaos – Im siebenundzwanzigsten Jahr Johannes Tröndle: Abel und das Wörterbuch Drei erste Preise für drei Beiträge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Drei Texte, die vom Chaos erzählen, das wir erst einmal suchen müssen; zwischen den Zeilen, zwischen einigen Sätzen zumindest, in denen vordergründig alles in Ordnung zu sein scheint; das Chaos erschließt sich unter der Oberfläche, an der alles – nein, nicht glücklich, aber zumindest heil – zu sein scheint; Chaos kann auch Unordnung sein, Unheil, Unglück. Scarlett Mangelberger schreibt von einer Mutter und einer Tochter, und bald verschwimmen die Grenzen zwischen zwei Menschen, zwei Leben, zwei Zeiten – dort die Vergangenheit, hier die Gegenwart an der Grenze zur Zukunft, die wenig verheißt, zumindest nichts Gutes. Zwei Leben, die in Ordnung gebracht werden müssen, dringend, zwei Lebensalter an der Kippe, hier das eine, das die Kindheit hinter sich gelassen hat, dort das andere, das sich umso seltsamer benimmt, „kindisch“ geradezu, je mehr es sich mit den sich häufenden Jahren herumplagt, die wohl Altern heißen. Wer „erzieht“ hier wen in dieser Urbeziehung und Urbindung aller stärkstmöglichen Beziehungen zwischen zwei Menschen, zwischen Mutter und Tochter? Wer hat was falsch gemacht, früher, wer ist dabei, das Falsche zu tun, jetzt? Die Autorin hinterlässt uns ratlos auf der Suche ihrer Protagonistinnen nach dem Leben, dem richtigen Leben, dem wahren; in der Erinnerung daran, was war, wie in der Ahnungslosigkeit, was kommen könnte. Wer oder was entscheidet, welches das wahre Leben ist? Johannes Tröndles Geschichte nähert sich dieser Frage ohne Umwege. „Ich fand es nicht richtig, Albert zu heißen … Ich fand es nicht passend, in dem Dorf Abtenau im Tennengau zu leben, ja fand es zweifelhaft, ob es Abtenau überhaupt gab.“ Albert „Adam Abrakadabra“, sechs Jahre alt, überaus wissbegierig und ordnungsliebend, lebt in einer Welt voller Magie. Nicht Käfer, Spinnen oder Saurier faszinieren ihn, sondern Zahlenreihen und Ziffern. „Der Bub hat ein ganz eigenes Zahlensystem entwickelt“, erklärte die Mutter der Urgroßmutter, „mir scheint, eine Art Mischung aus Rechnen und Lesen.“ Sein Zähl- und Zuordnungszwang löst indes das Gegenteil aus, nämlich Chaos: Namen, Orte, Tage, Monate, Eigenschaften – in Alberts Kosmos bleibt nichts an seinem angestammten Platz, die Beziehung zwischen den Zeichen und ihrer Benutzung kommt aus dem Lot, ein verzweigter Parcours von Bedeutungen entsteht bei dem Versuch, die Welt neu zusammenzusetzen und den Dingen „ihre“ Richtigkeit zu verpassen. Die Bibel und das Wörterbuch sind für ihn maßgeblich, überdies ist er seinem Alter weit voraus: „Ich denke, er ist schon zu alt für die Schule“, sagte Frau Siebenschlag nicht zu meiner Mutter … und fand es aberwitzig unakademisch, dass alles mit einer „V wie Volks-“ und nicht einer „A wie Abend-“ oder wenigstens „A wie Alternativschule“ anfing, was mir als passionierter Langschläfer gelegener käme, eine Vorstellung, die ich „anheimelnd“ fand, obwohl dieser Ausdruck laut Wörterbuch bereits seit Urgroßzeiten veraltet war.“ Kinder in diesem Alter kreisen gerne um sich selbst, um sich ihr Andersland einzurichten, doch wie Johannes Tröndle diese Vereinnahmung beschreibt, besticht, hat Qualität und verspricht großen Lesespaß, denn der Text kippt mit einem Augenzwinkern ins Absurde. Wie im wirklichen Leben ist die ganze Familie, die vor allem aus den Müttern – Mutter, Großmutter, Urgroßmutter – und den Zwillingsschwestern Frieda und Vroni besteht, in dieses Spiel integriert, obwohl man nicht genau weiß, ob die Schwestern nur deshalb Zwillinge sind, weil das Wort Zwilling mit Z beginnt. Aber: Zweifel kann anregend sein – und nirgendwo sitzen so viele Aufpasser wie im System Familie, wenn Alltägliches verhandelt und die Triebdynamik nicht ausgelebter Aggressionen durch Zwänge kontrolliert wird. Groß- und Urgroßmutter sind in ihrem eigenen Chaos-Kosmos unterwegs, die Freunde der Mutter, vertrackte Existenzen, wenn´s denn stimmt, werden verhandelt, ein Vater ist nicht dingfest zu machen. Man redet, wie es sich gehört, aneinander vorbei, auf eine unbekannte schiefe Mitte zu. Der Text verspricht großartige Turbulenzen, kuriose Verstiegenheiten. Wir Leser und Leserinnen sind eingeladen, das Chaos, das uns nicht fremd ist, zu belächeln. Paradoxerweise tendiert es immer wieder zur Ordnung. Und dann sind da noch Tommy und Vince, die zwei, die Franz Miklautz ins Spiel bringt; zwei herrenlose Streuner, ein Tom Sawyer und ein Huckleberry Finn unserer Zeit – wo ist da die Familie, wo eine Tante Polly, die im gemachten Nest auf ihren Schützling wartet, wo ein hilfreicher Jim oder Joe? … Nein, kein Nest ist da auszumachen, kein Schutz, kein Heim. Gesellschaft, das ist jene, die die beiden einander leisten; die andere, die feinere, scheint eher zu vergessen auf die zwei. Chaos unter einer Oberfläche auch hier, vor allem aber die Frage, ob denn hier nicht schon die Oberfläche selbst gehörig faul ist; an die Väter von Tommy und Vince zu denken, sich die beiden aus den Texten ins richtige Leben zu denken, verheißt nichts Gutes, irritiert, verstört; man hätte sich den Schauplatz dieses Beitrages woanders erwartet, unter anderen Umständen, unter einer anderen Oberfläche … Das Chaos ist nicht immer dort, wo wir es erwarten, vor allem nicht immer fern. Das nahe Chaos lauert ums Eck. Alles in allem also drei Texte, denen eines gemeinsam ist: Sie erzählen von Kindheiten. Chaos beginnt nicht selten in kleinen Schuhgrößen, um dann erst in Erwachsenenschuhen so richtig auszubrechen. Was zuversichtlich stimmt, ist trotz aller Widrigkeiten, mit denen das Leben aufwartet, der Humor, den alle drei ausgezeichneten Texte auf das Leben ansetzen. Wir danken beinahe 500 Einsenderinnen und Einsendern für ihre Zuschriften, wir haben es uns nicht leicht gemacht, sie haben es uns nicht leicht gemacht. Und wir freuen uns auf die Ausschreibung zum nächsten Literaturpreis, die in wenigen Wochen erfolgen und im Sommer 2015 wieder einen oder mehrere Gewinner zur Folge haben wird. Das Sonderheft dazu wird als die fünfzigste Ausgabe der Zeitschrift etwas Besonderes sein für eine kleine Literaturinitiative, die sich hartnäckig hält im großen Literaturbetrieb und der mit der Einladung zu Einsendungen für Literaturpreise auch im achtundzwanzigsten Jahr Recht gegeben wird. Margarita Fuchs, Peter Baier-Kreiner & Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 48:

Scarlett Mangelberger, Franz Miklautz, Johannes Tröndle, SAID, Mario Wurmitzer, Willi Achten, Dodi Helschinger, Stefan Holler, Dietrich Machmer, Sabine Haupt, Julia Willmann, Mortesa, Sandra Hubinger, Werner Weimar-Mazur Illustrationen: Ali Çetinkaya

Nr. 49 November 2014


Liebe Leserin, lieber Leser! Es ist eine ungewöhnlich lyrische erostepost-Ausgabe geworden, diese Endvierzigerin vor dem großen Jubiläumsheft im nächsten Frühjahr zur neuerlichen Verleihung eines Literatur- preises; ganz zufällig gibt auch ein Lyriker, ein sprachenkunstler mit einem Gedicht das Motto für den neuen Preis vor (siehe Ausschreibung), es ist Ernst Jandl mit seiner lichtung. Und man darf sich die Frage stellen: Wo ist die Dichtung hingegangen seit Catull, wo ist die Lyrik gelandet seit den Anfängen, seit den Zeiten des altehrwürdigen Johann Wolfgang von Goethe, seit einem Georg Trakl, seit einem Ernst Jandl? Wo geht die Dichtkunst hin, sind Autorinnen und Autoren heute noch Dichtkünstler und Dichtkünstlerinnen? Wovon erzählen sie heute in ihren Versen, worauf machen sie sich einen Reim? Auf das Dichten? Auf die Wörter? Auf die Liebe und die Zärtlichkeit? Auf den Tod? Vieles bleibt ungereimt, Literatur und vor allem Lyrik ist vielleicht längst nur mehr zwischen den Zeilen lesbar. Zwischen den Zeiten, den unruhigen, schnellen, hastigen. Es wird den Gedichten schwer gemacht zwischen diesen Zeiten, den schnellen, in denen für eines mit Sicherheit zuletzt Zeit bleibt: für Gedichte. Ihre Verfasser haben es auch nicht leichter – in einem Literaturbetrieb, in dem Lesungen von Bestsellerautoren und -autorinnen zu Events geworden und Gedich-te zwischen die Stühle gerutscht sind, von wo sie das Reinungspersonal nach den Events aus den Eventhallen kehrt. Lassen Sie sich neben den anderen Beiträgen in dieser Ausgabe der erostepost ein auf die Gedichte, die darin zu finden sind, auf die Zeilen zwischen den Zeilen und auf ihre Verfasser. Auf sprachenkunstler … Das wünschen sich Peter Baier-Kreiner & Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 49:

Kai Bleifuß, Constantin Göttfert, Elli Gabriele Müller, Susanne Neuffer, Ralf Portello, Nicola Quaß, Karsten Redmann, Helge Streit, Jochen Weeber, Werner Weimar-Mazur, Johannes Witek, Wolfgang Wurm Illustrationen: Bertram Hasenauer

Nr. 50 Juli 2015


Liebe Leserin, lieber Leser! Die Spannung und das Ringen um den erostepost-Literaturpreis 2015 sind vorbei, der Preis wurde heuer nicht vergeben. Gesucht waren herausragende Beiträge zum Thema links – rechts, in der Redaktion eingetroffen sind (in Summe erstaunliche wenige, was die Erfahrungen der vergangenen Jahre betrifft …) gute und sehr gute Beiträge, die in dieser Jubiläumsausgabe der erostepost versammelt sind; der Jurybeschluss war daher letzlich einstimmig, die Preissumme in fünf gleich große Anerkennungshonorare zu teilen, auf die Autoren von fünf Einreichungen. Morgenspiel Der Vorhang ist offen. Dahinter der Alltag, das Leben, das ganz normale und das ganz abnormale. Das Leben ist kein Spiel, das Leben ist Theater, mit Szenen, die sich zur Zeit der Nazi-Diktatur abspielen hätten können, mit Szenen, die sich in der Jetztzeit abspielen können. Wir alle sind Teil dieser Szenen und Beobachter zugleich. Publikum. Also … du, du oder auch … du. Publikumsbeschimpfung nach Peter Handke? Oder episches Theater frei nach Bert Brecht? Die Welt ist zu klein geworden für uns Menschen, die Bühnen sind zu klein geworden, Menschen sind auf der Flucht, von allüberallher nach allüberallhin. Was größer geworden ist, ist lediglich der Zuschauerraum, von dem aus wir Menschen eine Welt betrachten, als ginge sie uns nichts an, als gingen uns vor allem die Menschen auf den zu kleinen Bühnen nichts an. Wir bleiben reglos sitzen. Wir haben schließlich bezahlt. Wer zahlt, schafft an. Und bestimmt, wann der Vorhang wieder zugehen soll. Am Ende des Stückes oder mitten im Stück. Zwölf kleine Worte Worte sind kostbar, werden streng kontingentiert. Der Protagonist, ein namenloser Erzähler, hebt sie für seine Liebste auf. Eigentlich ein schöner Gedanke in unserer vernetzten Online-Welt, in der Sprache inflationär gehandelt wird. Tatsächlich wird daraus eine Vision, die sich ins Gegenteil verzerrt und „Wörterüberziehung“ mit Jobverlust und Strafen belegt. Ein ungemütlicher Ort, der mit Strichcodes an den Wänden und Tapeten „vollgeschrieben mit Wörtern“ aufwartet. Nicht links oder rechts wird ausgespielt, vielmehr werden Hell-Dunkel-Kontraste zur Hintergrundstrahlung eines Systems, das skurrilste Nachrichten verbreitet und – wie üblich in Diktaturen – zwischen magisch und manisch pendelt. Unter diesen Umständen beim Radio zu arbeiten, führt nicht nur die Praktiken autoritärer Staaten ad absurdum, macht den Überwachungsstaat zum Witz, sondern Kommunikation per se. Und auch die Liebe muss warten, verheddert sich im Anachronismus einer Telefonschnur, wird verschoben auf bessere Zeiten. Ich habe natürlich sofort mein Gewehr geholt Lohnt sich Beharrlichkeit, oder ist es krude Zentrifugalkraft, die Ideologien zersplittern und die „Theoriekeule“ ins Leere schlagen lässt? Wie soll man miteinander leben, überhaupt leben, Kunst produzieren? Sinnfragen, denen sich der Ich-Erzähler, es könnte sich auch gut um eine Erzählerin handeln, nicht stellen mag, da man sonst „jede Mauer … im Sinne der Fiktion errichtet … zum Einsturz“ bringen könnte. Im Fokus steht die sonderbare Beziehung zu Jakob, sein Kompass spielt verrückt, Realität und Wahn, Krieg und Nähe sind Koordinaten seiner Verortung. Dazu braucht es ein bruchstückhaftes Drehbuch eines Lebens, eine Mischung aus Ungeduld, Clownerie und Selbstgewissheit, Phantastereien über habitable Zonen, weiters eine Obsession für Tiere, eine gewisse Schwarm-intelligenz, und schon gibt es Anlass zu Mythenbildung, vermischt sich das Kuriose mit dem Todernsten, bestimmt eine Ziege den Tagesablauf und noch mehr. Ja, selbst der wehrhafte Ich-Erzähler obliegt der Irrationalität und legt sich achtzehn Ziegen zu, „die jetzt um meinen Schreibtisch rumstehen. Ich denke, so kann man selbst zu Kunst werden …“. Wird eine Geschichte des Scheitern erzählt, hält man als Leser/Leserin lauter lose Enden in Händen. Lässt man also Wirklichkeit zu, oder sind es doch Träume, die ein Schicksal zu erfüllen haben? Unseres radikalen Rotzbengels sozialromantische Reise durchs ideologische Müllsortiment der Geschichte bis an ihr Ende und darüber hinaus „Radikalität ist die Wurzel allen Wohls oder Übels“, so lautet eine Aussage am Ende der Erzählung, die gespickt ist mit kleinen, großartigen Tiraden, und während „wir gemütlich in die Resignation versinken“, führt uns die „sozialromantische Reise unseres radikalen Rotzbengels durchs ideologische Müllsortiment der Geschichte und darüber hinaus“. Der Text wird wohl polarisieren, die Prosa ist als Lyrik lesbar und erhält eine eigene Rhythmik dadurch. Wir können uns einzelne Passagen olfaktorisch und gustatorisch einverleiben: „Wer Äpfel und Birnen über einen Kamm schert, frisiert Obst …“, oder uns ärgern über „ein fester Griff ins Fremdwörterbuch“, was eine eigenständige Verstörung erzeugt. „Das Trockene, auf dem wir sitzen, gerät aus dem Ruder. Auch die gemäßigte Mitte wird zusehends extremer.“ So reist der Bengel mit der Leserin und dem Leser durch die Höhen und Abgründe, durch links und rechts, „und er schwankte fortan festen Schritts zwischen Schizophrenie und Erleuchtung.“ Unpaarig Er hat zwei Töchter und kann eigentlich zufrieden sein, das Rollstuhldilemma ist halt da und das Katerproblem, das schwache Herz, die wiederkehrenden Träume, dass die Töchter weglaufen könnten, sind da. Doch die Töchter sind sparsam, manchmal knausrig, die kleinen Freuden misst er in Schlucken, die eine Tochter besorgt sie ihm in Sechserpacks, einmal pro Woche, wenn er zum Bankomat geschoben wird. „Ich habe meine Bankomatkarte eingesteckt, ja doch Kinder, natürlich habe ich meine Bankomatkarte eingesteckt.“ So endet der Beitrag „Unpaarig“, der Ich-Vater bewegt sich in seinen Ausführungen zwischen Suderei, Fatalismus und Begeisterung immer nur so weit von der Mitte weg, dass er weder links noch rechts ankommt; ein Stück österreichischer Seele scheint beschrieben, Beklemmung mag aufkommen, aber der Humor in dem Text gleicht das auf seine Weise aus, und dann ereignet sich als Draufgabe in der Geschichte die Geschichte mit zwei Unpaaren Schuhen. Margarita Fuchs, Peter Baier-Kreiner, Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 50:

Marc Anton Jahn, Mario Wurmitzer, Mathis Zojer, Wilhelm Hengl, Kai Bleifuß, Katja Bohnet, Marcus Kindlinger, Carmen Jaud, Peter Friedrich, Werner Weimar-Mazur, Paula Bersdorf, Ewart Reder, Mario Tomasegoviç

Nr. 51 November 2015


Liebe Leserin, lieber Leser! Vier Autorinnen und ein Autor, die in diesem Literaturjahr auf Einladung von erostepost im Literaturhaus Salzburg auf der Bühne waren, sind in dieser Ausgabe der Zeitschrift nachzulesen; dazu kommt mit Ulrike Schäfer eine Autorin, die 2013 den erostepost-Literaturpreis gewonnen und in diesem Herbst ihr erstes Buch publiziert hat; sie ist mit einer Erzählung daraus vertreten. Mit drei Autorinnen und einem Autor aus Salzburg hat sich unbeabsichtigt auch ein Salzburg-Schwerpunkt für dieses Heft ergeben, der vervollständigt wird mit den Fotos von Matthias Gruber; er gießt seine Spaziergänge in und um die Stadt und seine scharfen Beobachtungen in höchst gelungene Momentaufnahmen und porträtiert eine Welt, die zu entdecken zumindest zu lohnen scheint, eine Welt hinter der Hochglanzkulisse einer Hochglanzstadt; stimmige Bilder in Dur sind das, bunte Blicke aufs Grau. Sie ist nicht ausnahmslos heil, diese Welt, die Matthias Gruber abbildet, einladend wirkt sie allemal. Die Bilder in den Texten der Autorinnen und Autoren bilden größtenteils eine unheile Welt ab, eine unstimmige Welt in Moll; die Haut der Welt ist rissig geworden, die Welt darunter brüchig, angreifbar und verletzlich, das ist unübersehbar in diesen Tagen und Wochen; und mit ihr ist die Literatur brüchig geworden, falls sie das nicht ohnehin immer schon gewesen ist, eine Literatur, die mehr Fragen stellt an die Welt, als sie Antworten darauf zur Verfügung hat. „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“, wie es vor exakt 70 Jahren Pippi Langstrumpf erstmals angekündigt hat, das funktioniert längst nicht mehr, wenngleich der anarchistische Ansatz der rotzfrechen schwedischen Göre gerade der gegenwärtigen Welt manchmal gut täte; einer Welt, in der Limonadenbäume und kunterbunte Villen rar geworden sind … Wir dürfen gespannt sein, welche Welt wir erfahren werden, wenn die ersten Einreichungen zum erostepost-Literaturpreis 2016 eintreffen; als er Mitte des Jahres zum Thema „Heimat“ ausgeschrieben wurde, waren die Entwicklungen der Welt, die sie im Sommer und Herbst des Jahres genommen hat, noch nicht in diesem Ausmaß absehbar; noch war keine Rede von nicht enden wollenden Strömen von Flüchtlingen, die sich aufmachen aus einer alten Heimat, um eine neue zu finden; noch war keine Rede von Anschlägen und Terror, von neuen Grenzzäunen, von der Ohnmacht der Politik, diese Welt in den Griff zu bekommen; wir dürfen gespannt sein, wie die Literatur dieser Welt beikommen will, die sich wieder einmal verändert, die ab und an so gar nicht einladend wirkt. Wir wünschen Ihnen dennoch oder gerade deshalb großen Lesegenuss mit dieser Ausgabe der „erostepost“ und sind wie immer optimistisch: Die Literatur wird weiterhin dagegenhalten; sie wird neue Bäume (er)finden, neue Häuser, eine neue Heimat, neue Welten. Peter Baier-Kreiner & Kurt Wölflingseder


AutorInnen Nummer 51:

Martin Andersson, Wien; Jörn Birkholz, Bremen; Beatrix Foidl-Zezula, Salzburg; Alexandra Grüttner-Wilke, Dresden; Moritz Hildt, Süddeutschland; Fritz Huber, Wals bei Salzburg; Sandra Hubinger, Wien; Sophie Lustig, Salzburg; Nicole Makarewicz, Wien; Susanne Neuffer, Hamburg; Lisa-Viktoria Niederberger, Salzburg; Alberto Pellegatta, Mailand; Ulrike Schäfer, Würzburg; Peter Paul Wiplinger, Wien Als Übersetzer:Armin Kurosh Marschall, Berlin Illustration der Ausgabe 51: Matthias Gruber, Salzburg

Nr. 52 Juni 2016


Liebe Leserin, lieber Leser! Im Jahr der Heimat oder: Wie wir unsere Grenzen kennenlernten … „Heimat“ gehört wie „Liebe“ oder „Glaube“ zu den Begriffen, die bei Aufruf ein zwingendes Expertinnentum einfordern. Wir glauben zu wissen, was Heimat bedeutet. Konnotativ einigermaßen belastet, wurde „Heimat“ erst kürzlich bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl groß und bunt plakatiert, beide Kandidaten setzten auf Wert und Wirkung ihrer Heimat. Erfreulich waren hingegen die Beträge zu unserem diesjährigen Thema „Heimat“. Witz und Wut, Sarkasmus und Ironie, Geschichte und Utopie, Politik und Rückzug fanden ihre Bandbreite und formale Vielfalt. Dazu einige Beispiele: Peter Paul Wiplinger montiert in seinem atemlos-atemberaubenden Text -zig Assoziationen zum divergenten Gesamtzustand „Heimat“. Bei der vielstimmigen Auflistung, was Welt, Gegen-wart und Vergangenheit betrifft, fehlt Zukünftiges, weil „Heimat“, auch einträgliches Geschäftsmodell, quasi den kritischen Blick verstellt. Sein Fazit: Es gibt keine Antwort, was Heimat betrifft, „… doch habe ich bisweilen heimweh nach einer heimat nach meiner kindheitsheimat danach wie einmal alles war dann fahre ich nur weil ich heimweh habe wiederum hinauf in meine heimat ins mühlviertel das meine heimat ist jedenfalls ein teil davon…“ Im „Friaul-Zyklus“, der großartig komponierten Lyrik von Regina Hilber, wird Heimat bereits im ersten Satz festgemacht: „meine heimat ist mein körper/ ihm folge ich überall hin.“ In den restlichen neun Strophen, frei von fesselnder Eindeutigkeit, wird Heimatbestimmung am Flusslauf des Tagliamento zu einem Versuch über Leben und Tod, Zeit und Vergänglichkeit – eine Geschichte wird angedeutet, ein Netz von Motiven, das in der Natur und der Duplizität der Dinge bilderreich ihre poetische Zuordnung erhält: „was still an den Rändern / verstummt in Versuta / zu welcher Stunde / a ce ore / a ce ore“. Diametral dazu steht der Beitrag: „Ketten (Klumpen)“ von Greta Lauer: Bilder, aufgeladen mit Leiblichem, aus dem Brevier der Sexualität, des Schmerzes und des Weltekels – aus heimatlichen Genrebildern entwickelt sich veritabler Grusel. Das erzählende Ich nimmt sich eines wahnhaften Lebens an: „Ich grabe meine Hände in die warme Erde. Am Rande des Waldes lege ich mein Ohr an den Grund. Vor mir das Feld, dahinter das Dorf, ich bohre die Hände tief hinein. Auf dem Feld wachsen meine Schmerzen aus dem Boden. In kräftigem Grün schießen sie heraus …“ Der Siegertext „Schwarzwild“ von Marcus Fischer war zunächst nur ein Text in einer Fülle von Berichten aus der Provinz, eingebettet in eine dörfliche Suada, die wir zu kennen glauben: Eben Gesagtes wird rhythmisch wiederholt, schöpft daraus seinen vermeintlichen Wahrheitsgehalt und seine Bedeutung, die Syntax wird beliebig umgestellt, Klischees von Mann und Frau, Jagd und Most, Leib und Leben werden angerichtet auf heimatlichem Idiom. Der Autor nimmt uns in die Bucklige Welt mit, in das Dorf Herzberg. Wir wissen nun nicht nur um seine kuriose Historie, sondern auch vom Mythos „Geisterkeiler“, und mit großem Vergnügen folgt man zwei Paaren in die Wechselfälle des ländlichen Lebens. Komisch und tragisch zugleich wartet der Text mit umwerfend sprachlichem Witz, kraftvollen Bildern und drastischen Vergleichen auf. Das marode Sozialgefüge mitsamt seinen Besonderheiten wird sprichwörtlich „auf die Schaufel“ genommen, Tradition dennoch umgeschrieben, ein furioses Ende ist vorprogrammiert: „Wenn sie dann aufgestanden ist aus dem leeren Bett in der Früh, hat sie anders geknetet. Den Teigknödel unter sich, den wuchtigen, in den hat sie die Handballen hineingestoßen, bis es ganz weg war, das Gesicht vom Franz im Teig. Und die Bilder sind gekommen und gegangen in ihr. Manchmal hat sie ihn in den Staubboden gedrückt und manchmal, wenn er ganz grauslich war zu ihr, hat sie ihn hineingedrückt in die Senkgrube mit den Handballen mit einer Inbrunst, das war eine Freude für den Teig, aber für den Franz war das kein Spaß in ihrem Kopf.“ Und dann sind da noch Geschichten und Gedichte, die von Fluchten erzählen, vom Ankommen, in Wahrheit aber vom Nicht-Ankommen, Dorfgeschichten, Stadtgeschichten, Landgeschichten; von Straßen ohne Wegweiser, von verirrten Pfaden, Schleichwegen, von Emigration, äußerer wie innerer, vom Suchen, selten vom Finden. Vielen eingereichten Beiträgen zum ausgeschriebenen Thema, auch vielen unveröffentlichten, ist gemeinsam, dass sie … dunkel sind, genau, dunkel; Heimat als Bedrohung; nicht, dass wir erwartet haben, dass Jubelchöre angestimmt werden würden auf die eine oder die andere Heimat, dennoch ist auffällig, wie schwer fassbar dieser ambivalente und nur zu gern inflationär verwendete Begriff geworden ist; Heimat steht in vielen Texten als Metapher für Abgrenzung und Abschottung, nicht selten wird man genau dort betrogen, wo in großen Leuchtreklamelettern „Heimat“ versprochen wird. Heimat als Werbemittel, als Versprechen, das selten eingelöst wird, als Pfandgut; der Preis ist in jedem Fall höher als der Einsatz, den man nicht zurückerhält .. Die AutorInnen sind genau gewesen in ihren Betrachtungsweisen, schwer verführbar von Heimathochglanzprospekten, skeptisch, widerständig; da wurden keine Wohlfühlhoasen gezimmert, keine Wellnessbereiche, nicht Almhüttenromantik noch biedermeierliche balkongedrechselte Idylle; Heimat ist ein Ort geworden, der in Bewegung ist, dem man nachspüren muss, nachziehen, nachwandern. Heimat ist Arbeit geworden. Der Polster Heimat lädt längst nicht mehr ein zum Kuscheln am Ende des Tages, die Daune Heimat ist kratzig geworden … Die Frage ist weniger: Wohin gehen wir? Die Frage ist: Wohin geht Heimat? Wie wünschen unseren Leserinnen und Lesern einen guten Sommer, in der Heimat oder in einer Fremde, die Sie vielleicht kurz zu Ihrer Heimat machen werden; bleiben Sie in jedem Fall wachsam dort, wo Sie daheim sind! Margarita Fuchs, Lisa-Viktoria Niederberger, Peter Baier-Kreiner & Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 52:

Michaela Davin, Österreich Marcus Fischer, Preisträger, Österreich Axel Görlach, Deutschland Regina Hilber, Österreich Cornelia Koepsell, Deutschland Greta Lauer, Österreich Peter Lünenschloß, Deutschland Karsten Redmann, Deutschland Anna Schrems, Österreich Marina Skalova, Russland/Deutschland Beatrice Strohschneider, Deutschland Peter Paul Wiplinger, Österreich

Nr. 53 November 2016


Liebe Leserin, lieber Leser! Spätherbst in Salzburg, kurz und kürzer die Tage, die ungewöhnlich frühen Schnee und viel zu frühe Winterkälte gebracht haben, hochnebelig manche auch, nieselregnerisch, unhell, trüb. Novemberblues in Salzburg. Der große Bob Dylan hat den diesjährigen Nobelpreis für Literatur gewonnen, immerhin. Dafür ist der große Leonard Cohen gestorben, „he passed away”, wie es im Englischen so schön und sanft, fast schon wieder tröstlich heißt. Selten einmal war die Verbindung zwischen Poesie und Musik deutlicher und offensichtlicher als in diesem Spätherbst. Und Donald Trump wird der nächste Präsident von Amerika. Auch nicht gerade ein Stimmungsaufheller. „Die Naht zwischen den Zeiten reißt”, heißt es in einem Beitrag von Ewart Reder in dieser Zeitschrift … Aber immerhin haben die dort schon einen neuen Präsidenten, während wir hierzulande erst noch ein bisschen herumbasteln an Wahlkuverts. Und wenigstens passt die Ausschreibung für den erostepost-Literatur-preis 2017, wie sie besser nicht passen könnte: „Jenseits von Gut und Böse” lautet das Motto, Details dazu finden sich auf der letzten Seite des Heftes. Die neue Ausgabe der erostepost enthält Texte von 14 Autorinnen und Autoren, illustriert vom Salzburger Künstler Thomas Stadler. Sie wurde am 21. November im Literaturhaus Salzburg mit Lesungen von Ulrike Schäfer aus Würzburg, die uns Gedichte geschickt hat, und Michael Ziegelwagner aus Wien, der ebenfalls mit einem Text vertreten ist, vorgestellt; traditionell neigt sich damit der Literaturherbst seinem Ende zu, ehe wir in ein neues Jahr gehen, mit spannenden Projekten, vielen Plänen, Perspek-tiven. Am Horizont ein Literaturfrühling. Wir werden dann auch einen Präsidenten haben, ob er die Stimmung aufzuhellen vermag, wird sich freilich erst weisen; aber die Tage hinter diesem Horizont werden länger werden, heller, untrüber. erostepost geht ins 30. Bestandsjahr und wird das zu feiern verstehen, als mittlerweile eine der am längsten bestehenden Literaturzeitschriften Österreichs. Mit Literatur, die dagegenhält, mit Stimmen, die etwas zu sagen haben; Literatur hält vieles aus, sogar den Salzburger Novemberblues, das Fortgehen von Leonard Cohen und rechtspopulistische Präsidenten. Es wird ein gutes Jahr 2017 werden. Vielleicht. Hoffentlich. Lisa-Viktoria Niederberger, immer noch frische Mitarbeiterin bei erostepost und Auto-rin aus Salzburg, Kurt Wölflingseder, erostepost-Urgestein, und ich wünschen Ihnen einen Winter mit guter Lektüre und danach ein gutes Jahr. Ein Literaturjahr. Es wird ein gutes Jahr 2017 werden. Ich bin mir sicher. Peter Baier-Kreiner

AutorInnen Nummer 53: Jörn Birkholz, D Timo Brandt, D David Fuchs, Ö Moritz Grohs, Ö Petra Lohan, D Nicole Makarewicz, Ö Susanne Neuffer, D Ewart Reder, D Ulrike Schäfer, D Peter Schwendele, D Mercedes Spannagel, Ö Peter Paul Wiplinger, Ö Johannes Witek, Ö Michael Ziegelwagner, Ö Illustration: Thomas Stadler, Ö

Nr. 54


Liebe Leserin, lieber Leser! Was wollen wir glauben, wem trauen wir? Für eine spannende Story sind wir immer zu haben. Wie man dem Mythos „Wahrheit“ auf die Schliche kommt, davon und noch mehr erzählt Susanne Neuffer in ihrem Sieger-Text „Chor der Engel“. Zwei befreundete Paare, Hildegard und Cord, Vincent und die Ich-Erzählerin, treffen sich beim „Libanesen“. Man zerlegt ein Hühnchen und inszeniert sich der eigenen Größe wegen. Sätze werden zu blühenden Gebinden aus Annahme und Verweis, Realität und Fiktion – mit einer Verve vorgetragen, als gehe es um alles. Geht es auch, nämlich um uns selbst. Der Winter in Montreal: „Nasskalte Schneeschauer, unbarmherziges Eis unter den Reifen und Füßen“ – oder doch ein Weihnachtsmärchen? „Es gibt ein Recht am eigenen Text“, so die Ich-Erzählerin. „Wer lügt, muss genau sein und ungenau zugleich.“ Liegt die Deutungshoheit beim Publikum, sprich bei Freunden? „Dann erzähle ich meine aufgerüschten RAF-Geschichten, die kleinen Anekdoten aus den Hinterzimmern einer kleinen deutschen Revolution. Es stimmt ja auch einiges daran, zum Beispiel, dass die Terroristin XY eine Nachbarin war – wobei ich kürzlich die Namen durcheinander gebracht habe, die war ja schon tot, und das war auch in einer anderen WG.“ Erinnerung umkreist fortwährend unsere Abwesenheit. Zwischen Fassbarem und Unfassbarem spürt Neuffer dem vermeintlich Autobiographischen nach, einem Ego, dem es gilt, gerecht zu werden. Mit subtilem Hintergrundwitz kommentiert sie als Ich-Erzählerin das Geschehen, legt ihren Finger in die Wunden kleiner Begierden, rettet Hildegard Schmitthenner schließlich vor Vincent, einem unangenehmen Frager, der immer alles genau wissen will, er ist einer, der ihre wundersame Chor-Geschichte in Montreal, vor allem des Sängers Satz: „Special thanks to wonderful Hildegard“, so nicht hinnehmen mag … Bestechend leicht und tiefsinnig zugleich lotet die Autorin die Un-Tiefen scheinbar gesetzmäßig verlaufender Abende aus. Wir fühlen uns ertappt. Etwas, was fehlt, wird doppelt bedeutsam. „Der Remo“ betitelt Marcus Jensen seine preiswürdige Geschichte, und wir fragen uns anfangs: Was soll diese kleine venezianische Gondel auf Oma Moorkamps Fernseher, mit einem Gondoliere ohne Ruder, „verloren gegangen, irgendwann aus den Fäusten geglitten wie ein Strohhalm …“? Der Ich-Erzähler katapultiert uns vorerst in die beginnenden 80er Jahre. Im Prisma, einem Provinz-Kino, verschränkt sich die Zeit, er und sein jüngerer Bruder, vierzehn und zwölf, schauen sich verbotenerweise „Die Klapperschlange“ an: „Während wir dasaßen und John Carpenter uns seine finstere, dreckige, gewaltstrotzende Endzeit-Welt von 1997 vorstellte, hatten meine Eltern zwei Kilometer entfernt Pflegedienst im Moor-kamp.“ Snake Plissken gegen Oma Moorkamp, ihr „winziger Kriechkeller“ gegen Manhattan fiktiv, drohender Atomkrieg gegen ein verlorenes zerrüttetes Leben, das dem Ende zugeht, Zombie-Punker gegen den Zweiten Weltkrieg, lediglich „Schnipsel“ in den Köpfen der Kinder. In dieser Parallelwelt hat Plissken die besseren Karten. Was weiß der Vierzehnjährige schon von den Verwüstungen, die der Krieg in Oma Moorkamps Leben hinterlassen hat? „Doch natürlich wirkte dieser Krieg stumm in alles hinein, war eine unsichtbare, dafür fette Grundierung auch meiner Welt. Ich kannte keinen Erwachsenen, den diese Maschinerie nicht geformt hatte, und an den Kaffeetafeln war von den grausigen Vierzigerjahren die Rede, wegen denen die Torten heute noch so gut schmeckten. Mit vierzehn hielt ich den Zweiten Weltkrieg für die Sache der buckligen Verwandtschaft.“ Jensens Blick in die Vergangenheit nimmt Zukunft in die Pflicht, spielt mit diesem unwägbaren Gestern-Heute-Morgen, verwebt Carpenters Action-Spektakel mit banaler Realität. Für diverse Positionierungen wie Macht und Ohnmacht, Leben und Tod, Fiktion und Wirklichkeit, Gut und Böse nicht zuletzt, findet der Autor überaus einprägsame, gleichsam berührende wie komische Bilder. Die wie stumm eingefrorene Geste des Fährmanns lässt Richtung vermissen, zeigt vielleicht, wie hilflos treibend wir manchmal dem Leben ausgeliefert sind – und doch nicht aufgeben? „Die (Gondel, Anm.) hätte ich heute gerne, mit den leeren Fäusten des Fährmanns.“ Zwei herausragende Texte aus 361 Einreichungen zum Literaturpreis 2017, dazu elf weitere in dieser Ausgabe der prämierten und gelungensten Beiträge, dazu ein gutes zusätzliches Dutzend, das bis zuletzt in der engeren Auswahl gestanden war und sich ebenfalls eine Veröffentlichung verdient hätte! Wir bedanken uns bei allen Einsenderinnen und Einsendern und gratulieren Susanne Neuffer und Marcus Jensen sehr herzlich, ebenso natürlich allen anderen hier vertretenen Autorinnen und Autoren! erostepost im dreißigsten Jahr, das ist in dieser Ausgabe zugleich auch schon die Vorschau auf das einundreißigste Jahr; der erste Schritt ins vierte Jahrzehnt beginnt mit der Ausschreibung des nächstjährigen Literaturpreises, mit der wir uns an ein großes Thema heranwagen, vielleicht an das Thema schlechthin, an die Liebe; Details dazu finden sich am Ende des Heftes. Wir befürchten Hunderte von Einsendungen, einen Kampf der lesenden Juroren durch einen Dschungel von Gedichten und Geschichten, ein Rudern der lesenden Jurorinnen in einem Strom von Seiten und Manuskripten. Wagen Sie sich also als schreibender Mensch an das neue Thema heran, um mit uns herauszufinden, ob schon alles gesagt worden ist von allen. Wir von erostepost wünschen Ihnen mit der erostepost Nr. 54 einen schönen Lesesommer! P.S.: Und wir freuen uns auf Hunderte von Zuschriften zum Thema Liebe 🙂 Margarita Fuchs, Lisa-Viktoria Niederberger, Peter Baier-Kreiner, Kurt Wölflingseder

AutorInnen Nummer 54:

David Blum, Sebastian Hage–Packhäuser, Lydia Haider, Manon Hopf, Signe Ibbeken, Marcus Jensen, Roman Kaiser-Mühlecker, Greta Lauer, Luka Leben, Susanne Neuffer, Pyotr Magnus Nedov, Gabriel Wolkenfeld, Peter Zimmermann

Nr.55


Text wird in Kürze aktualisiert!

Nr.56


Text wird in Kürze aktualisiert!

Nr.57


Text wird in Kürze aktualisiert!

Nr.58


Text wird in Kürze aktualisiert!

Nr.59 

 


Nr. 60, Ausgabe zum Literaturpreis 2020


Der Tod ist eine vergessene Zeile erostepost Literaturpreis 2020

1. Preis: Axel Görlach
2. Preis: Gerrit Reinmüller und Constanze Geertz

Aus der Jurybegründung:

Welcher findungsreiche Umgang mit Sprache in dieser so seltsamen Disziplin Gedicht! /…/ Der Bedeutungsraum jenseits des Geschriebenen, des Sicht- und Hörbaren, steht weit offen. /…/ Görlachs Faible für poetische Evokationen und Paradoxismen verfremdet Zitate, splittet Kommentare und Anweisungen, verknappt die Syntax, ein Spiel aus Nähe und Distanz, Stille und klanghafter Aktion. /…/ Zeitgenössische Lyrik, die den Blick auf unser Dasein schärft, überzeugt, so, wie der Autor schreibt, sinnlich schwebend zwischen Konsistenz und Widerspruch, Aussparung und Nachdrücklichkeit, lautmalerischer Konvulsion und Zurücknahme. „Man kann nicht über das Wasser gehen“, lesen wir. Wir meinen: doch, und verleihen Axel Görlach den ersten Preis für die Strahlkraft und den Sog, den seine unerhört eindringliche Poesie auszeichnet. 

Zwei, die einander nicht trauen, früher waren sie ein Paar, das harmonierte: „Schulter an Schulter auf Langstreckenflügen, Hand in Hand auf dem Rundweg um den See. Hand in Hand im Doppelbett.“ /…/ Nach der Diagnose verändert sich alles, jeder hat jetzt „seine Version“. „Natürlich macht er, wie bei allem, was er tut, eine ausgezeichnete Figur, er hält „den Rücken gerade“ und gewinnt die Oberhoheit über ihre Krankheit. 

Lakonisch und mit skeptischer Distanz beschreibt Gerrit Reinmüller den Prozess einer fortschreitenden Distanzierung und Entfremdung, unter dem Aspekt, dass eine leidet und der andere pflegt. Ein kluger Text voller Ironie, schroff und wahnwitzig zugleich, erschreckend in seiner Ausweglosigkeit. /…/ Dass wir aus dieser Geschichte unseren Nutzen ziehen, auch dafür gebührt ihr der zweite Preis.

Italien und das Meer sehen: Simon hatte alles geplant. Und einer hat alles mitangesehen, die gemeinsame Reise endet abrupt mit Simons Tod. „Sein Lachen lag da, seine Vorfreude aufs Meer, seine Ungeduld“, berichtet der Ich-Erzähler, Simons bester Freund seit frühester Jugend an. Zwischen zwei Wimpernschlägen verliert er den Freund, /…/ die Welt gerät in Schieflage, die Perspektive kippt. 

Schnörkellos erzählt Constanze Geertz die Geschichte eines Verlusts, /…/ wir ahnen den Abgrund, der über dem schwebt, was wir Leben nennen. Dass die Autorin dies in besonders eindrücklichen Bildern beschreibt, ist nur ein Aspekt in diesem Text, für den Constanze Geertz ebenfalls mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wird.

Illustration: Yun Wang
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Autorinnen und Autorinnen der erostepost- Ausgabe 61, auch diesmal konnten wir aus einer großen Anzahl von Einsendungen für unsere Zeitschrift auswählen. Ein herzliches Dankeschön an alle Einsender*innen! Folgende Autor*innen sind in unserer Ausgabe 61 vertreten: Philipp Ammon, Berlin, „Im schwarzen Garten“ Katharina Braschel, Wien, „Immer schon gespielt“ Claudia Dvoracek-Iby, Wien, „Ich bin ein Fritz“ Otto Dvoracek, Wien, Lyrik Sabina Fudulakos, Gänserndorf, „Der Fremde“ Jonas Gawinski, Bordeaux, Lyrik Elias Kilgus, Wien, „Die Welt, in der wir leben.“ Bianca Körner, Berlin, Lyrik David Liedtke, Wien, „Manchmal verschwand ein Jahr“ Petra Lohan, Berlin, „Stromausfall“ René Markus, Dresden, „Stiche“ Tara Meister, Wien, „Unterm Berg“ Nicola Quass, Düsseldorf, Lyrik Lisa Roy, Essen, „Frau am Fenster“ Verena Schestak, Paris, „Die gemeinsamen Teiler von Nenner und Zähler und.“ Marlene Schulz, D, „Amorpoly“ Andreas Schumacher, Walheim, „Das große Wendeplattenfest“ Christine Seidensticker, D, Lyrik Thorsten Siche, Frankfurt/Main, „noch ein Herz“ Benjamin Wimmer, D, „Ehrliche Kunst“, „Schranke“ Johannes Witek, Salzburg, Lyrik Charlotte Zerz, Wien, „Kinder von Toten“ Die Bilder für die Zeitschrift sind von Lili Fullerton-Schnell Mit besten Grüßen aus Salzburg, Peter Baier-Kreiner, Christian Hollaus, Franziska Krug und Kurt Wölflingseder


Nr. 61 


Liebe Leserinnen und Leser, liebe Autorinnen und Autorinnen der erostepost- Ausgabe 61, auch diesmal konnten wir aus einer großen Anzahl von Einsendungen für unsere Zeitschrift auswählen. Ein herzliches Dankeschön an alle Einsenderinnen!


Folgende Autorinnen sind in unserer Ausgabe 61 vertreten: Philipp Ammon, Berlin, „Im schwarzen Garten“ Katharina Braschel, Wien, „Immer schon gespielt“ Claudia Dvoracek-Iby, Wien, „Ich bin ein Fritz“ Otto Dvoracek, Wien, Lyrik Sabina Fudulakos, Gänserndorf, „Der Fremde“ Jonas Gawinski, Bordeaux, Lyrik Elias Kilgus, Wien, „Die Welt, in der wir leben.“ Bianca Körner, Berlin, Lyrik David Liedtke, Wien, „Manchmal verschwand ein Jahr“ Petra Lohan, Berlin, „Stromausfall“ René Markus, Dresden, „Stiche“ Tara Meister, Wien, „Unterm Berg“ Nicola Quass, Düsseldorf, Lyrik Lisa Roy, Essen, „Frau am Fenster“ Verena Schestak, Paris, „Die gemeinsamen Teiler von Nenner und Zähler und.“ Marlene Schulz, D, „Amorpoly“ Andreas Schumacher, Walheim, „Das große Wendeplattenfest“ Christine Seidensticker, D, Lyrik Thorsten Siche, Frankfurt/Main, „noch ein Herz“ Benjamin Wimmer, D, „Ehrliche Kunst“, „Schranke“ Johannes Witek, Salzburg, Lyrik Charlotte Zerz, Wien, „Kinder von Toten“


Die Bilder für die Zeitschrift sind von Lili Fullerton-Schnell

Mit besten Grüßen aus Salzburg, Peter Baier-Kreiner, Christian Hollaus, Franziska Krug und Kurt Wölflingseder